Die Rückkehr zum inneren See

28.05.2008 von Mag. Roland Urban

Zur Erklärung schamanischer Phänomene bieten sich nach Roger Walsh (1992) grundsätzlich drei Möglichkeiten:
1. Schamanisch Praktizierende verstehen die Reisen, Welten und Geisthelfer aufgrund ihrer Erfahrung als real und erklären sie exosomatisch, also als externe Dimensionen und Wesen außerhalb ihrer eigenen Körpergrenzen.

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2. Die Mehrheit der „westlichen” Gesellschaften und Wissenschaften würden die schamanischen Reisen als imaginativ ansehen und auf innerpsychische Prozesse zurückführen; d. h., die Reisen durch die Welten und der Kontakt zu den Geistern wären demnach Produkte der individuellen Psyche.
3. Eine dritte Sichtweise, die des tibetischen Buddhismus, lautet, dass die Traum- und Meditationsreisen der Yogi mentale Schöpfungen sind – wie auch unsere gesamte Wacherfahrung. Dies würde bedeuten, dass sowohl materielle Welt als auch Erfahrungen immaterieller Natur (Träume, schamanische Reisen, etc.) Kreationen unseres Bewusstseins sind. Demzufolge gibt es keine „Realität an sich”; vielmehr wird Wirklichkeit aktiv von den beteiligten Akteuren geschaffen.

Zur gleichen Grundaussage kommt letztlich eine der einflussreichsten erkenntnistheoretischen Strömungen der vergangenen Jahrzehnte: der Konstruktivismus.

Anderes Denken respektieren
Meiner Ansicht nach haben alle drei Erklärungen ihre Berechtigung – auch wenn ich als schamanisch Praktizierender von real existierenden helfenden Kräften ausgehe; eine ausschließlich innerpsychische Erklärung als reduktionistisch ansehe; und als Wissenschaftler letzteren Ansatz bevorzuge - da Wissenschaft durch Vielfalt lebt (und nicht durch den Anspruch auf eine vermeintlich absolute Wahrheit).
Eine konstruktivistische Herangehensweise verlangt nicht nur den grundsätzlichen Respekt Andersdenkenden gegenüber, sondern auch ein Verständnis ihrer Standpunkte; Voraussetzung dafür ist Austausch und konstruktive Auseinandersetzung.
Als Psychologe und schamanisch Praktizierender wurde mir schnell klar, dass dies in unserer Gesellschaft nicht den Regelfall darstellt, sondern eher die Ausnahme. So überrascht es auch nicht, dass etwa Schamanen vielerorts nach wie vor als Zauberpriester, Wunderheiler, usw. definiert, und Psychotherapeuten auf die Analyse und Deutung von sprachlichem Material reduziert werden. Beide Positionen sind schlichtweg nicht haltbar und zeugen von Unkenntnis.

”Geister” versus "Introjekte”
Neben wahrhaftigem Respekt scheitert eine Auseinandersetzung zwischen Schamanismus und Psychotherapie oft auch daran, dass unterschiedliche Sprachen benützt werden – die Folge ist, dass man die/den andere(n) einfach nicht versteht. „Nichtalltägliche Wirklichkeit”, „Geister” oder „Seelenrückholung” auf der einen Seite können für Nicht-Eingeweihte genauso befremdend wirken wie „Unbewusstes”, „Introjekte” oder „Re-integration abgespaltener und angstbesetzter Aspekte” auf der anderen.
Aus den genannten Gründen habe ich im Rahmen meiner Diplomarbeit versucht, schamanische Arbeit im Kontext akademischer Wissenschaft zu diskutieren – mit dem Ziel, Übersetzungsarbeit zu leisten und somit den Austausch zwischen diesen beiden Weltanschauungen zu forcieren. Darüber hinaus erhoffte ich mir durch eine intensive Beschäftigung mit der Thematik weitere Erkenntnisse zu zwei meiner zutiefst persönlichen Lebensfragen: Wie kann Schamanismus wissenschaftlich kommuniziert werden? Worin bestehen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Schamanismus und Psychotherapie?

Die Tiere - Unsere Verwandten
Eine direkte Erklärung schamanischer Phänomene ist mit den aktuellen wissenschaftlichen Instrumenten nicht möglich. Dennoch können zahlreiche Parallelen mit schamanischen Konzepten gefunden werden, wobei die derzeit fruchtbarsten Ansätze aus der Bewusstseinsforschung sowie biologischen und quantenphysikalischen Modellen stammen.
Das Bewusstsein als zentrale Organisationseinheit des menschlichen Erlebens beschäftigt eine Vielzahl unterschiedlicher Disziplinen wie Evolutionsbiologie, Philosophie, Psychologie, Psychiatrie, Neurophysiologie, etc.; sie alle bringen Teilaspekte in die Diskussion ein, die sich bei genauer Betrachtung zu einem Mosaik zusammenfügen lassen:
Die lange Zeit vertretene These, dass Bewusstsein eine ausschließlich menschliche Errungenschaft darstellt, ist nicht mehr haltbar. Vielmehr gilt es aus Sicht der Evolutionsforschung als be-wiesen, dass auch (zumindest höher entwickelte) Tiere über Bewusstsein verfügen.
Das bedeutet, dass nicht nur auf biologischer, sondern auch auf erlebnisbezogener Ebene von einem Verwandtschaftsverhältnis zu tierischen Organismen auszugehen ist. Folgerichtig erscheint die Interaktion mit (Kraft-)Tieren in diesem Zusammenhang nicht mehr irritierend, sondern gut nachvollziehbar.

Facetten des Bewusstseins
Neurophysiologische Untersuchungen haben darüber hinaus ergeben, dass es nicht ein Bewusstsein mit einem Bewusstseinszentrum gibt, sondern vielmehr verschiedenste Bewusstseinsströme beobachtbar sind, die unterschiedlichste Gehirnstrukturen betreffen. Auch die „veränderten Bewusstseinszustände” sind als Bewusstseinströme entlang des gesunden Erlebenskontinuums aufzufassen, die spezifische Veränderungen in bestimmten Hirnregionen (vor allem präfrontaler Kortex und Formatio reticularis) hervorrufen und somit als differenzierbare Bewusstseinszustände erfasst werden können. In Hinsicht auf den „schamanischen Bewusstseinszustand” im besonderen zeichnen die Ergebnisse relevanter Untersuchungen ein insgesamt in sich stimmiges Bild, das durch klare neuronale und physiologische Muster sowie transkulturell ähnliche Beschreibungen der schamanischen Reisen gekennzeichnet ist.
Das Verdienst der schematischen Einteilung der veränderten Bewusstseinszustände in übersichtliche und für die klinische Praxis brauchbare Modelle kommt vor allem der Psychiatrie und der Transpersonalen Psychologie zu. So unterscheidet etwa Scharfetter (1997) grundsätzlich zwischen Schlaf- und Wachbewusstsein, wobei letzteres in „Alltags-Bewusstsein” und (weiter ausdifferenziertes) „Außer-Alltags-Bewusstsein” unterteilt ist; nichts anderes ist damit umschrieben als „alltägliche” und „nichtalltägliche” Wirklichkeit.
Der besondere Wert dieser Modelle liegt dabei nicht in ihrer Neuheit (solche existieren in unterschiedlichsten Traditionen bereits seit Jahrtausenden), sondern dass sie Bewusstseinsqualitäten wie den schamanischen Bewusstseinszustand eindeutig als gesunde Phänomene definieren und als solche der Wissenschaft zugänglich machen.

Parallelwelten
Fördern alle bisher erwähnten Erkenntnisse die wissenschaftliche Erfassung und Beschreibung von Prozessen, die mit schamanischer Arbeit einhergehen, so sagen sie doch wenig darüber aus, wie die schamanischen Reisen in die Parallelwelten und der Kontakt zu den Geistern erklärt werden können. Die revolutionärsten Erkenntnisse in diese Richtung kommen einerseits aus der Neurophysiologie (Theorie der Spiegelneuronen) und der Biologie (Morphische Felder), andererseits aus der Quantenphysik: Die Erweiterte Quantenfeldtheorie definiert für alles physikalische Ge-schehen materielle und immaterielle Aspekte; die so genannte M-Theorie postuliert, dass wir in einem Universum von Parallelwelten leben; die Quantenverschränkung deutet auf Interaktionen zwischen weit voneinander entfernten Elementarteilchen hin; und Teleportationsexperimente haben auf Quantenebene bewiesen, dass Informationsübermittlung ohne materielle Übertragungskanäle möglich ist.
Gewiss betreffen diese Ergebnisse submikroskopische Phänomene und sind daher nicht direkt auf schamanische Prozesse übertragbar. Dennoch repräsentieren sie wertvolle Analogien, welche in verblüffender Weise beinahe zu denselben Schlussfolgerungen führen wie die jahrtausendealten schamanischen Konzepte.

Seele – Metapher für Bewusstsein
In dem Bemühen, obige Erkenntnisse mit der konkreten schamanischen Praxis der Seelenarbeit in Einklang zu bringen, habe ich ein Bewusstseinsmodell schamanischer Heilung entwickelt, welches – in Anlehnung an Galuska (2003) – Seele als Metapher für Bewusstsein definiert und zwischen innerpsychisch-personalen und exosomatisch-transpersonalen Bewusstseinsbereichen unterscheidet. Diesem Ansatz folgend suchen schamanisch Praktizierende ansonsten nicht-zugängliche, transpersonale Bewusstseinsbereiche (schamanische Welten) auf und treten dort mit Bewusstseinsstrukturen (Seelen) anderer Menschen bzw. lebender oder toter Wesen (Geister) in Interaktion, um die Informationen für das formulierte Anliegen zu sammeln. Mittels ritueller Handlungen werden diese Informationen manifestiert und für die Klienten sichtbar gemacht – welche letztlich die für den Heilungsprozess notwendigen Veränderungen einleiten (sollen). Diesem Modell folgend gelten schamanisch Praktizierende vor allem als Experten im Aufsuchen ansonsten nicht-zugänglicher Bewusstseinsbereiche und als Vermittler zwischen personalen und transpersonalen Bewusstseinsstrukturen. Die dazu wesentlichen Informationen erhalten sie von ihren Geisthelfern.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten
Ein derartiges Modell erleichtert nicht nur die Kommunikation zur Wissen-schaft (da es sich ihrer Sprache bedient), sondern auch eine vergleichende Diskussion der Beziehung von Schamanismus und Psychotherapie. Im Zuge der Recherchen wurde offensichtlich, dass es neben fundamentalen Unterschieden auch zahlreiche Gemeinsamkeiten zwischen diesen Behandlungssystemen gibt.
Die wesentlichsten Differenzen betreffen das allgemeine Welt- und Menschenbild (die meisten Psychotherapien verneinen etwa die Existenz von Geistwesen und sehen diese als innerpsychische Phantasie-Helfer), die therapeutische Beziehung (in vielen Psychotherapien kommt den Klienten in der Entwicklung ihrer Ressourcen eine sehr aktive Rolle zu; im Schamanismus werden die Geister als zentrale therapeutische Instanz angesehen) und das allgemeine Verständnis von Gesundheit, Krankheit und damit Heilung (während im Schamanismus Krankheit als Vorbedingung für einen progressiven Entwicklungsschritt betrachtet werden kann, dominiert in der Psychotherapie nach wie vor die Idee des Abweichens von einem „Normalzustand” ).

Die ”Geister” werden katathym . . .
In der konkreten Heilarbeit und der methodischen Vor-gehensweise hingegen sind mannigfaltige Überschneidungen zwischen Schamanismus und Psychotherapie feststellbar, speziell bei tiefenpsychologisch-imaginativen Ansätzen (wie der analytischen Psychologie nach C. G. Jung, dem Autogenen Training oder der Katathym Imaginativen Psychotherapie - KIP) und v. a. der Transpersonalen Psychologie. So erinnert etwa die Arbeit mit inneren Helfern im Rahmen der KIP stark an die Interaktion mit den Geistwesen; der Ablauf der Oberstufe des Autogenen Trainings ähnelt jenem des Schamanischen Counseling (vgl. Thalhamer, 1999); Prozesse vergleichbar mit der Seelenrückholung finden sich in nahezu allen psychotherapeutischen Richtungen.

Nicht zufällig weist dabei der Core-Schamanismus die meisten Parallelen mit den modernen Psychotherapien auf – nicht nur auf praktischer Ebene, sondern auch hinsichtlich des allgemeinen Designs. Von Harner als wissenschaftlich-orientierter Ansatz entworfen, präsentiert sich der Core-Schamanismus wohl als jene schamanische „Strömung´, die hinsichtlich Sprache, Ausbildung und praktisch(-ritueller) Umsetzung am stärksten in den „westlichen´ Systemen verankert ist – bei gleichzeitiger Achtung der schamanischen Grundsätze. Insgesamt erfüllt der Core-Schamanismus alle theoretischen Voraussetzungen der Wissenschaftlichkeit – und damit einer offiziellen Legitimierung –, bleibt aber die praktischen Nachweise im Sinne empirischer Forschung größtenteils schuldig.
Zusammenfassend sei festgehalten, dass die Gräben zwischen Schamanismus und Psychotherapie nicht so tief sind, wie sie aufs Erste erscheinen mögen. Beide Ansätze versuchen, Heilungsprozesse zu initiieren, indem sie sich mit ureigensten Themen der menschlichen Existenz beschäftigen – und letztlich Seelenarbeit leisten.
Denn selbst wenn es manche Akademiker nicht wahrhaben wollen: Auch „Psychologie ist eigentlich der Weg der Seele“ (Picard, 2006: 199).
Roland Urban

Anschrift des Verfassers: roland.urban@gmx.at
Eine Kopie der Diplomarbeit kann angefordert werden.

LITERATUR

Galuska, Joachim (2003): Die erwachte Seele und ihre transpersonale Struktur. In: Fischer, Karl Maximilian (Hrsg.): Heimkehr der Seele: Psychotherapie und Spiritualität. Linz: edition pro mente. 215-234.
Harner, Mchael (1982): Der Weg des Schamanen. Interlaken: Ansata.
Kraft, Hartmut (1995): Über innere Grenzen: Initiation in Schamanismus, Kunst, Religion und Psychoanalyse. München: Diederichs.
Picard, Winfried (2006): Schamanismus und Psychotherapie. Ahlerstedt: Param Verlag.
Scharfetter, Christian (1997): Der spirituelle Weg und seine Gefahren. Vierte, erw. Aufl. Stuttgart: Enke.
Thalhamer, August (1999): Shamanic Counseling und Autogenes Training: Ein Vergleich. http://www.thalhamer-haase.at/ (alle Artikel)
Urban, Roland (2007): Rückkehr zum Inneren See – Schamanismus, Bewusstsein und Psychotherapie. Diplomarbeit, Universität Wien.
Vaitl, Dieter et al. (2005): Psychobiology of Altered States of Consciousness. In: Psychological Bulletin. Vol. 131, No. 1. 98-127.
Walch, Sylvester (2002): Dimensionen der menschlichen Seele: Transpersonale Psychologie und holotropes Atmen. Düsseldorf, Zürich: Walter.
Walsh, Roger N. (1992): Der Geist des Schamanismus. Olten: Walter-Verlag.