Heilung läuft über die Emotion

31.03.2008 von Dr. Erich Roth

Wie treffen wir eigentlich Entscheidungen? Bis vor kurzem war die Forschung der Meinung, dass Entscheidungen rational-logisch erfolgen. Heute wissen wir jedoch, dass die emotionale Seite des Menschen sehr wichtig ist und wesentlich zur Entscheidungsfindung beiträgt. Hier soll gezeigt werden, dass auch Heilung über die Emotion läuft.

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In meinem Artikel: Trance - alles nur Neurochemie? (Schamanismus Nr.1, 2005; siehe auch Artikelarchiv) habe ich versucht, die neurophysiologischen und biochemischen Korrelate eines Trancezustandes festzuhalten. Der kausalen Kette: Trance - veränderter Bewusstseinszustand - biochemische/ neuro-physiologische Reaktion des Körpers möchte ich nun versuchen, einen weiteren Baustein hinzuzufügen, und der Frage nachzugehen, wie wir Entscheidungen treffen.

Bis vor kurzem war die Kognitionsforschung der Meinung, dass Entscheidungen nach rational-logischen Prinzipien erfolgen. Heute wissen wir, dass nicht das rationale Bewusstsein, sondern die Emotionen wesentlich zur Entscheidungsfindung beitragen.

Der Schamane bemüht die Emotion
Was hat dies nun mit Schamanismus zu tun? Wenn wir unsere Entscheidungen nach emotionalen Gesichtspunkten treffen, heißt das auch, dass Fehlentscheidungen, Ängste und psychisches Fehlverhalten über dieses emotional dominierte Entscheidungshirn gesteuert werden. "Heilende" Verfahren müssen daher wesentlich und nahezu zwingend auf der emotionalen Ebene eingreifen. Der Schamanismus hat sich seit jeher Methoden zugewendet und verfeinert, die tief in das emotionale Geschehen eingreifen und war hier wohl Wegbereiter der modernen Psychotherapie ohne bis heute den gesetzlichen Heilauftrag bekommen zu haben.

Der Gedankenblitz aus dem Nichts
Wie hat man nun gelernt, dass die Intuition, der scheinbar aus dem Nichts kommende Gedankenblitz einen wesentlichen Anteil an der Entscheidungsfindung hat? Der amerikanische Gehirnforscher Damasio hat ein Spiel-Experiment kreiert, bei dem er seine Versuchspersonen zwei Stapeln mit Karten vorlegte, wobei im ersten Stapel hohe Gewinne bei noch höheren Verlusten und im zweiten Stapel geringe Gewinne bei geringeren Verlusten einander gegenüber standen. Die Versuchspersonen waren nicht über den Inhalt der beiden Stapel informiert.

Die Versuchspersonen hatten Elektroden an der Innenhand, die es ermöglichten, aufgrund der Schweißabsonderung den Stresszustand der Versuchspersonen zu bestimmen. Die zogen nun Karten aus den beiden Stapeln. Bereits beim zehnten Zug war zu erkennen, dass die Personen Schweiß absonderten, wenn sie aus dem ersten Stapel, dem Verluststapel, ihre Karte zogen. Aber erst ab dem 40. Zug nahmen sie bewusst nur noch die Karten vom Stapel zwei. Das heißt, emotionell wussten sie schon wesentlich früher als rational wie sie vorzugehen haben.

Damasio ließ nun dieses Experiment auch Patienten mit einer Schädigung des präfrontalen Kortex durchführen. Der präfrontale Kortex ist wesentlich für die emotionale Steuerung des Gehirns verantwortlich. Derart geschädigte Patienten waren nicht in der Lage, das Kartenspiel zu durchschauen und zogen immer wieder Karten aus dem ersten Stapel. Patienten mit einem durch einen Schlaganfall oder Unfall geschädigten präfrontalen Kortex können auch andere einfache Entscheidungen, wie Terminabsprachen, nicht treffen.

Der Verstand ist viel zu langsam
Damasio folgerte daraus, dass die Entscheidungen primär emotionell getroffen werden. Inzwischen wurde diese Hypothese durch mehrfache Experimente abgesichert. Denn das rationale Bewusstsein ist schon rein theoretisch nicht in der Lage rasche Entscheidungen zu treffen, da pro Sekunde 11 Millionen Impulse von den ebenso vielen Sinneszellen an das Gehirn gegeben werden und nur 40 davon vom Bewusstsein verarbeitet werden können.
Daran erkennt man, dass hier effektive Filtermechanismen aus dem Unbewussten, also offenbar dem emotionalen Unterbewusstsein, vorliegen müssen. Gefühle und Empfindungen vermitteln somit zwischen rationalen, bewussten und nicht rationalen unbewussten Prozessen (weiterführende Literatur: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/GEHIRN/GehirnEmotion.shtml).

Die Faszination der Rituale
Nun der andere Weg. Nicht von ungefähr sind Generationen von Ethnologen immer wieder der Faszination der Rituale verfallen. Rituale, bei denen die Menschen aus dem Alltäglichen austreten, und durch Symbole, Gesänge, rhythmische Musik und Tanz in einen vom Normalzustand transzendierten Zustand gelangen, also auf eine andere Ebene des Bewusst-Seins treten.
Den Ritualen liegt immer auch eine "Idee" zugrunde, die den Inhalt des Rituals ausmacht. Sehr oft ist dieser Inhalt gesellschaftspolitisch determiniert und wird von den Mächtigen (kommen sie aus der Religion oder der Politik) verwendet, um sich über das Ritual "ins Gedächtnis zu rufen".

Rituale gibt es aber auch im Tierreich - erwähnt sei hier der Werbetanz der männlichen Fruchtfliege, die eine ganz bestimmte Tanzform aufführt, um sich das Weibchen "untertan" zu machen. Dieses Beispiel führe ich nur an, da es 2005 einer Wiener Forschungsgruppe gelungen ist, das Gen, also die "Chemie" dieses Rituals aufzudecken. Wird dieses Gen (und es ist nur ein Gen) auf ein Fruchtfliegenweibchen übertragen, so führt dieses den Bewerbungstanz vor ihren Geschlechtsgenossinnen auf. Also Rituale scheinen bereits teilweise genetisch festgelegt zu sein. Auf jeden Fall ist es zentral für jedes Ritual, Emotionen zu erwecken.

Nach der oben angeführten Hypothese, dass sich Emotionen besonders tief in unser Gedächtnis gravieren und von hier aus steuernd unser Leben beeinflussen, ergibt sich für mich die phylogenetische Dimension des Rituals, nämlich über die Emotion tief unser Bewusstsein zu beeinflussen.

Nun zurück zum Schamanismus. Psychoanalyse und Schamanismus versuchen mit verschiedenen Praktiken das Unbewusste in einem Gegenüber zu ergründen, um zu helfen und zu heilen.
Als Zugang zum Unbewussten verwendet die Psychoanalyse häufig die Methode der Traumdeutung, wohingegen der Schamane "auf Reise" geht, um mittels Geistern, Hilfstieren und Ahnen spirituelle Hilfe zu erlangen und diese unter einem starken emotionalen Hintergrund heilend weiterzugeben, ohne aber unbedingt nach der Ursache des Traumas und dessen Bewusstseinsmachung zu suchen. Bei indigenen schamanistischen Heilseancen war oft das ganze Dorf, die gesamte Verwandtschaft anwesend, wodurch der Heilungsvorgang, die Heilskraft nicht nur auf den "Kranken", sondern auf die durch die Krankheit betroffene Umgebung übertragen wurde.

Schamanen haben gute Heilerfolge bei Psychosen
In einem sehr interessanten Artikel: Trance, Functional Psychosis, and Culture, beschreibt Richard J. Castillo, dass in nichtwestlichen Kulturen zwar weniger kurzfristige Psychosen als im indigenen Bereich auftreten, der Heilerfolg der Psychosen im indigenen Bereich aber 10 Mal größer als in der westlichen Kultur ist. Die Ursache des unterschiedlichen Heilerfolgs sieht Castillo darin begründet, dass nach dem indigenen kulturellen Kontext der Kranke von einer Krankheit befallen wird (durch Verhexung oder Magie), wohingegen im nord-westlichen Kulturkontext der Kranke selbst an seiner Erkrankung Schuld trägt und diese meistens als Folge einer biologischen Manifestation dargestellt wird. Aus diesem Grund ist es nahe liegend, dass es einfacher ist, einen Hexen - oder Magiebann zu heilen, zu entfernen, zu extrahieren - man denke an die Körper-Extraktionsmethoden - als eine Krankheit mit biologischer Manifestation zu heilen, zu entfernen, an dessen Auftreten der Erkrankte noch dazu selbst schuld ist.

Zusammenfassend bestätigen diese neuen Ergebnisse der Hirnforschung, dass eine Therapie psychischer Missfunktion versuchen muss, das emotionale Gedächtnis zu erreichen, denn hier liegt der Schlüssel nicht nur für ein gestörtes psychisches Verhalten, sondern auch für die körperliche Manifestation vieler Krankheiten. Bewusstsein und rationales Denken bekamen eine starke neue Determinante, nämlich die Emotionen und die Gefühle.
Nicht nur die Heilkunde, sondern auch die Philosophie wird sich dem Thema der Emotionen und der Gefühle verstärkt zuwenden müssen, denn bis jetzt zählten für beide Fachgebiete die Emotionen eher zu den "niedrigen" Erkenntniskräften und der "tierischen Weise des Geistes", wie Kant und Hegel die Empfindungen klassifizierten.

Literatur:
Castillo, JR. Trance, Functional Psychosis, and Culture. Psychiatrie 66(1), pp 9-21, Spring 2003
Damasio, AR. Der Spinoza-Effekt - Wie Gefühle unser Leben bestimmen, München: List, ISBN 3471773525
Roth, E. Kulturelle und Kognitive Zugänge zum Glück. Diplomarbeit, Universität Wien, 2006
Traufetter G, Saltzwedel J. Stimme aus dem Nichts. Der Spiegel 15/2006
Walsh, NR. Der Geist des Schamanismus. Fischer Verlag, Frankfurt, 1998
 

Autor: Univ.-Prof. Dr.rer.nat.techn. Mag.phil. Erich Roth
Klinischer Biochemiker und Ethnologe

Med.Univ.Wien, Univ.-Klinik für Chirurgie, Forschungsabteilung
erich.roth@meduniwien.ac.at