Schamanengeschichten aus Tuwa

08.01.2012

Bereits in den ersten Wochen nach dem Erscheinen sind die Schamanengeschichten aus Tuwa zu einem Verkaufserfolg geworden.

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Finden Sie im Folgenden eine Leseprobe:

Wie die Schamanin Tschoodu einen Sattel vom Himmel holte
Meine Großmutter, die Schamanin Tschoodu, konnte Gegenstände vom Himmel holen (Verlorenes wiederfinden, d. Üs.). Hatten ihre Nachbarn keinen Tabak mehr, dann holte sie den vom Himmel, obwohl sie selbst nicht rauchte, und verteilte ihn unter den Jungen, so sagt man.
Wenn Leute Gegenstände verloren hatten, etwa Ringe, Feuerzeuge, Messer und Lassos, pflegten sie zu Tschoodu-Cham zu gehen. Meine Großmutter konnte Gegenstände finden, auch wenn diese drei Jahre zuvor verloren gegangen waren..
Einmal im Herbst kam ein Mann und brachte meiner Großmutter Lebensmittel und Araga (Milchschnaps). „Ich legte meinen Sattel auf den Zaun meiner Schafweide und konnte ihn danach nicht mehr finden. Ich weiß nicht, wer ihn gestohlen hat. Ich wollte dich bitten, mir meinen Sattel wiederzubeschaffen..
Meine Großmutter, eine Himmelsschamanin, schamanisierte die ganze Nacht. Als die Sterne verblassten und der Tag anbrach, fiel der verlorene Sattel herunter – zur Jurte, so erzählt man. . .
Chowalyg Damba-Sürün Okaj-oolowitsch

Die sieben grauen Wölfe des Schamanen Kaigal-Cham
In Chöndergej im Bezirk Tschöön-Chemtschik lebte der Schamane Kaigal-Cham, der seine Herkunft vom Himmel ableitete. Einmal verlangte der Bezirkschef Sengin, ein böser und grausamer Mann vom Stamme der Ondar, nach Kaigal-Cham. Der war ein wundertätiger Schamane.
Nachdem der Schamane Sengins Puls geprüft hatte, ließ Sengin ihn auspeitschen und entließ ihn dann, so erzählt man. Nahezu jeder, der an Sengins Jurte vorbeiging, wurde festgenommen und erst freigelassen, nachdem man ihn bewusstlos ge-prügelt hatte.
Kaigal-Cham wurde neuerlich gerufen. Er betrat Sengins Jurte und wusste, dass er nur mutwillig und ohne Anlass geholt worden war. So prüfte er nicht den Puls, sondern beschloss, dem grausamen Mann eine Lehre zu erteilen. Er öffnete sein Fellbün-del, nahm seine schamanischen Ritual-gegenstände wie Mantel, Kopfputz, Schlägel und Trommel heraus. Mit ihnen sprangen sieben graue Wölfe aus dem Sack. Sengin erschrak und verlor seine Stimme.
„Du wirst hier deine Herrschaft verlieren, wenn du weiterhin die Menschen so misshandelst. Wenn du dich weiter so miserabel benimmst, wirst du entweder erschossen oder aufgehängt“, warnte ihn Kaigal-Cham.
„Ai! Mögest du gesegnet sein“, antwortete Sengin. Zum Dank schenkte er Kaigal-Cham ein graues Pferd.
Mongusch Maas Serembylowitsch

Wie die Schamanen Bajür-Cham und Kara-Cham einander auffrassen
Als ich klein war, kam es vor, dass Schamanen einander „auffraßen“. So etwas habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen.
In Kara-Dyt, am linken Ufer des Flusses Tschadan, lebte die Schamanin Bajür-Cham. Sie war die Tochter der uralten Schamanin Tenek-Kadaj. Sie konnte, so erzählte man unter den Leuten, Dinge vom Himmel holen und sich selbst Schuss- oder Schnittwunden beibringen. Ihr Nachbar, der Schamane Kara-Cham, pflegte Feuerrituale abzuhalten oder mit Stierköpfen oder den Kräften der Taiga zu arbeiten, um Menschen zu heilen.
Ich war damals etwa sieben Jahre alt und hörte die Erwachsenen sagen: „Diese zwei Schamanen bekämpfen einander. Ihr kleinen Kinder, geht niemals in deren Nähe. Wütende Schamanen können jeden Menschen auffressen.“
Es hieß, dass die Schamanen während ihrer Rituale einander verfluchten. Wenn zwei Schamanen einander hassen, machen sie gegeneinander Kargysch, Verfluch-ungsrituale; auch auf große Entfernungen – wenn Berge zwischen ihnen liegen oder tiefe Flüsse. Stärkere Schamanen fressen dabei die schwächeren.
Ja, ich sah den Schamanen Bajür-Cham und Kara-Cham zu. Sie stellten ihre Jurten unter den Föhren auf einer Waldlichtung auf.
Der Eingang der einen Jurte wies nach Osten, die andere hatte ihren Eingang nach Westen. Gut versteckt beobachtete ich, wie sie ihre nackten Beine unter den Wänden der Jurten durchstreckten – gegeneinander gerichtet. So lagen sie auf dem Boden und flüsterten ihre Sprüche. In dieser Zeit wagte es niemand, sich den Jurten zu nähern. Nach fünf Tagen starben sie, beide am selben Tag.
„Sie waren gleich stark, deshalb brachten sie einander mit dem Kargysch-Ritual um“, so erklärten das die Menschen in der Umgebung.
Ich war dabei, als diese zwei gegeneinander kämpften.
Dongak Barükaan Churalbajewna 

Wie der Rachegeist Buk entsteht
Wenn jemand lügt, erscheint Buk, übersetzt „Satan“ oder „Rachegeist“. Wenn jemand einen Menschen umbringt, kommt Buk. Nach tuwinischer Tradition findet jemand seinen Buk, wenn er etwas falsch gemacht hat.
Buk kann dem menschlichen Auge unter verschiedenen Gestalten erscheinen. Wenn sich ein Mensch falsch verhält, kann Buk in Gestalt eines Hundes in der Nähe seiner Jurte erscheinen. Er kann auch die Gestalt eines Vogels, einer Biene, eines Schafes oder auch die Gestalt eines Wolfs annehmen.
Wenn eine Jurte Opfer eines Buk geworden ist, sterben alle: Der Vater, die Mutter, die Kinder. Auch das Vieh und die Verwandten jener Person, die Buk nicht überwunden hat, sterben. Buk kann nur von einem starken Schamanen besiegt werden. Bei uns, am Fluss Many-Tschurek, lockt der Schamane Buk in eine Höhle, schließt sie ab und versiegelt sie, so erzählt man.
Oorschak Öktek-ool Samynaowitsch

 

Schamanengeschichten aus Tuwa
Mit einem Vorwort von Michael Harner, herausgegeben von Paul Uccusic, Illustrationen von Alexandra Uccusic und Waleri Jelisarow, viele Fotos.
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