Der Ehrenkodex des Heilers

17.10.2010

Wer als schamanischer Heiler arbeitet, sollte einen Ehrenkodex haben. Hier einige Richtlinien darüber, was erlaubt ist und was man besser sein lässt.

 

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Schamanisch Praktizierende stehen in der Linie ältester Traditionen spiritueller Heiler; ethische Gesichtspunkte sind für sie sehr wichtig.
 Als Michael Harner in den Siebzigerjahren mit Core-Schamanismus begann, war schamanisches Heilen relativ unbekannt. Dank des großen Erfolges gibt es nunmehr weltweit großes Interesse dafür.
 Wer direkt mit Klienten arbeitet, für den gelten ähnliche Richtlinien wie für Therapeuten. Zum Beispiel muss Vertraulichkeit gewährleistet sein. Was während einer schamanischen Sitzung vorfällt, bleibt beim Klienten und dem schamanisch Tätigen. Da es sich im Schamanismus um die spirituellen Aspekte der Krankheit handelt, ist vieles häufig un-scharf. Dennoch drängt die Frage, was erlaubt ist. Was ist mit Fernheilung durch Einzelpersonen oder Gruppen?
 Jedem, der sich länger mit schamanischem Heilen befasst hat, ist klar, dass es zu kraftvollen und wunderbaren Heilungen kommen kann. Schwierige Probleme lösen sich oft überraschend, Unlösbares wird elegant aus dem Weg geräumt. Diese Kraft benötigt unseren Respekt, und man muss daher genau darüber nachdenken, wie und wo man sie einsetzen darf.


Erlaubnis muss eingeholt werden
 Die wichtigste Voraussetzung dafür, dass in unserer Arbeit die Kraft der hilfreichen Geister bewusst und mit Mitgefühl so angewendet wird, dass tatsächlich Heilung geschieht, ist die Erlaubnis des Klienten; seine einer bestimmten Person oder Gruppe ausdrücklich gegebene Zustimmung für diese Intervention. Unerwünscht etwas zu unternehmen ist unethisch und grenzt an Zauberei, denn jeder Mensch hat das Recht, selbst über die Angelegenheiten seiner Seele zu bestimmen; jeder hat das Recht auf seinen eigenen Weg ohne unerlaubte Einmischung.
 Jeden Heiler drängt es zu Aktion. Es kann, wenn man jemanden leiden sieht, sehr verführerisch sein, gleich die Geister zu fragen und loszustürmen - ohne dass der Betreffende auch nur eine Ahnung hat, was vor sich geht. Aber niemand von uns ist so weise, dass er immer genau wüßte, was eines anderen Seele möchte oder brauchte. Ich habe Praktizierende sagen hören, dass es schon ok ist, wenn die hilfreichen Geister zustimmen und der Betreffende nicht gefragt wurde - aber das ist schon von vorneherein unethisch, weil man ohne Erlaubnis auch gar nicht die Geister auf diese Weise befragen dürfte.
 Es mag sein, dass Geister allwissend sind, aber wir Menschen können irren - und wir hören oft nur das, was wir hören wollen. Dem Klienten hat klar zu sein, dass der Practitioner mit hilfreichen Geistern für ihn arbeiten wird. Ebenso wichtig ist, dass er weiß, dass es bei der Sitzung zu körperlichem Kontakt kommen kann, z. B. bei der Rückholung von Krafttier oder Seelenteilen.
Also: Der Klient muss entweder selbst darum ersucht oder auf die entsprechende Frage mit „Ja“ geantwortet haben. Bei komatösen Personen ist üblicherweise die Einwilligung naher Familienangehöriger notwendig. In einer Reise ist die Seele des Komatösen zu befragen, ob und welche Hilfe er haben möchte. Gleiches gilt im Falle von Psychopompos-Arbeit für Seelen Verstorbener - eine Seele ist eine Seele, egal, ob die eines Lebenden oder die eines Verstorbenen.


Auch Kinder brauchen Erklärungen
 Bei Arbeit mit Kindern unter zwölf benötigt man die Einwilligung eines Erziehungsberechtigten; je nach Reifegrad auch die des Kindes. Dem Kind sollte man das, was man tut, seinem Alter gemäss verständlich erklären, und ein Elternteil sollte bei der Sitzung anwesend sein.
 Während einer schamanisches Sitzung passiert es häufig, dass man gebeten wird, auch für jemand anderen etwas zu tun. Denke daran, dass du nur die Einwilligung des Klienten hast, der da vor dir sitzt oder liegt - daher wirst du dich weder auf die Behandlung des Partners noch auf die der Mutter deines Klienten einlassen.
 Meistens hat der Klient ein spezifisches Problem, z. B. will er Heilung für sein „gebrochenes Herz“. So kannst du an dem und allem, was damit zusammenhängt, arbeiten - aber nicht notwendigerweise an etwas anderem. Hier hat jeder schamanisch Tätige seine eigene Auffassung - der eine beschränkt sich auf das Besprochene, ein anderer geht, dem Rat seiner spirits folgend, darüber hinaus. Empfehlenswert ist es dennoch, in solchen Fällen mit dem Klienten Rücksprache zu halten.


Das Vielerlei ist von übel
 Klienten kommen üblicherweise zu einer schamanischen Sitzung. Mancher Heiler beherrscht noch anderes und ist versucht, auch das anzuwenden. Meiner Erfahrung nach jedoch zerfleddert die Kraft, wenn man vielerlei macht, daher mache eher viel im Sinne von kräftig. Schamanische Heilung hat ihre eigene, einmalige Kraft. In den Händen eines erfahrnen Practitioners reicht es, einfach die Arbeit zu machen.  Widerstehe also der Versuchung, medizinische Tipps oder juristische Empfehlungen zu geben oder Partnerberatung und Konfliktmanagement zu machen. Wenn du meinst, der Klient braucht das, so sende ihn zu einem entsprechenden Profi.
 Bei Tieren verfahre ich ähnlich. Ich reise zur Seele des Tieres und frage bei dieser nach. Schamanische Kraft wirkt unabhängig von Raum und Zeit. Mit der Verbreitung des Internets haben auch Ersuchen nach Fernheilung rapide zugenommen. Da auch wunderbare Heilungen vorgekommen sind, stellt sich hier naturgemäß die Frage, was wann erlaubt ist.  
Einverständnis ist auch hier die wichtigste Voraussetzung, die ausdrückliche Erlaubnis - auch für eine Gruppe. Just wenn man in einer Trommelgruppe oder mit Serien-eMails arbeitet, ist es wichtig, nur das zu tun, wozu man ermächtigt wurde. Wurde z. B. um die Beantwortung einer bestimmten Frage ersucht, hat man dabei zu bleiben; ebenso bei der Heilung eines genau definierten Problems. Wer gebeten hat, „die Knieoperation möge mit geringstem Schmerz und schnellster Erholung“ einhergehen, dem darf man nicht „Verringerung der Angst“ anhängen. Diskretion gilt auch für Rückmeldungen an den Klienten: Üblicherweise durch die Person, die den Auftrag erteilt hat und nicht als Antwort an die gesamte Gruppe. Das gilt in besonderem Maße für eMails.


Naturkatastrophen, Wetter machen
 Wie verhält es sich bei Umweltproblemen oder Katastrophen? Hier ist es mit der Erlaubnis nicht einfach, besonders, wenn es eine andere als die eigene Kultur betrifft (Überschwemmungen in Bangla Desch, Erdrutsche in China, etc.) Ohne Einverständnis geht auch hier nichts, und als Lösung bietet sich eine Mittelweltreise zu dem Ort des Unglücks an. Man befragt die lokalen Geister und Seelen, die man an diesem Ort antrifft, ob sie Hilfe haben möchten und in welcher Form. Erst nach eindeutiger Zustimmung darf man mit der Arbeit beginnen.
 Ich habe öfter Anfragen erhalten, ob ich nicht ein spezifisches Anliegen der „großen Welt“ bearbeiten könne - die Wahl eines Politikers, einem Mächtigen „das Herz öffnen“ (damit der was für die Armen tut) oder einen Krieg zu Ende zu bringen. Hiefür gibt es grundsätzlich keine Erlaubnis; solche Aufgaben sehe ich als jenseits von schamanisch-ethischer Arbeit liegend an - auch dann, wenn die Absicht gut ist. Grundsätzlich liegt so etwas an der Grenze zur Zauberei.
Auch versuchte Beeinflussung des Wetters hat ethische Dimensionen. Wenn etwa jemand daran arbeitet, „eine Dürreperiode zu beenden“ und Regen zu machen ist zu bedenken, dass solch eine Arbeit die Umwelt in unerwünschter Art beeinflussen kann. Die Erde ist ein Ganzes, ein lebendiger Organismus, was immer wir dran unbedarft ändern, hat Folgen - oft unübersehbare.
Susan Mokelke ist Direktor der Foundation for Shamanic Studies und Mitglied der FSS-Fakultät