Schamanismus und Psychotherapie

08.02.2006 von Dr. Winfried Picard

Der deutsche Psychotherapeut und schamanische Behandlers Dr. Winfried Picard versucht im Buch "Schamanismus und Psychotherapie" einen Brückenschlag: Schamanen sind seit alters her Spezialisten für den Umgang mit der Seele - und Seele ist auch in der Psychotherapie für den Kranken nicht ganz unwichtig. Bestellen Sie im Shop!

 

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Alles Angelegte strebt nach Verwirklichung, nach Entwicklung; die Seele strebt nach Vollständigkeit. Auch in der Psychotherapie geht es darum. Das durch Abwehr überbeanspruchte, eingeschränkte Seelenleben soll wieder vollständiger werden, heiler als es ist. Vollständigkeit bedeutet auch Balance. Nicht nur Patienten leiden unter Seelenbeschränkung, Seelenverlust. Je stärker dieser Verlust, desto größer das (unbewusste) Streben nach Seelenrückholung, wie Winfried Picard das nennt. Gesucht wird das Heil und der Weg aus dem Un-Heil.

Picard denkt und arbeitet vom Grunde her, aus dem Anfang der Heilkunde. Er geht über die gewohnten Gleise hinaus und fragt nach den noch tieferen Gründen der Seele. Er knüpft an uraltes Heilwissen an. In eindrucksvollen Beispielen zeigt er, wie er arbeitet. So wie die Heilpersonen, wie die Schamanen in alten Zeiten schon gearbeitet haben.

Jahrzehntelange Erfahrung
Doch er ist ein moderner Schamane. Er hat Jahrzehnte Erfahrung in tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie und verliert nie den Bezug zur heute üblichen Therapie, kennt die Modelle und Techniken, kennt den Rahmen. Er holt den Leser ab beim zeitgenössischen Verständnis von Heil-Kunde. Er schlägt Brücken zwischen uraltem Wissen und dem Vorgehen in der heutigen Psychotherapie. So am Beispiel von Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierter und analytischer Psychotherapie, Hypnose und Symboltherapie.

Mittler zwischen heilenden Kräften
Es gibt immer wieder Parallelen. Therapeut und Schamane sind Mittler zwischen den heilenden Kräften und dem Heilung Suchenden. Der Weg führt so gut wie immer über das Reich der Imaginationen. Dabei nutzt der schamanische Therapeut sehr konsequent die eigenen Bilder als Mittel, arbeitet mit seiner Gegenübertragung.
Zentral für den Prozess des Heil-Werdens ist die Trance. Wichtig das unbedingte Vertrauen in die helfenden Kräfte. Wie besonders in der Traumatherapie wieder entdeckt, werden die inneren Helfer aktiviert. Die Beachtung von Stabilität und Ich-Stärke und auch des sozialen Systems sind selbstverständlich.

Keine therapeutische Richtung wird verteufelt, diesem Schamanen ist nichts fremd. Die Seele wird in einer ungewohnten Weise ernst genommen mit ihren Erd- und Himmelswurzeln. Es besteht eine deutliche Affinität zu Jung und seiner Lehre von den Archetypen und Symbolen. Symbole zeigen uns den Weg zu den Kellern unter den Kellern. In diesen finden sich Kräfte, die zuzulassen gut tut.

Hilfreiche Wesen
Es gibt hilfreiche Wesen und die jedem innewohnenden Möglichkeiten. Eine weitere Affinität besteht zur existenziellen Psychotherapie. Anders als in manchen zu pragmatischen Vor-gehensweisen bleibt die Frage nach dem Sinn stets präsent. Existenzielles wie etwa den Tod zu verleugnen, kostet Kraft, wird Teil der Neurose. Tod bedeutet symbolisch aber auch Tod überlebter Konzepte und damit Neubeginn.

Was wirkt in der Psychotherapie? Wir haben erst einiges verstanden, vieles jedoch liegt immer noch im Dunklen.

Dieses Buch hilft erweitern, ergründen, pumpt altes Wissen in die Gegenwart therapeutischen Tuns. Schon mit Basistechniken der Tiefenpsychologie wie Arbeit mit freien Assoziationen und Träumen gelangt man in Bereiche, die genau besehen seltsam sind, ungewohnt und fremd, aber auch faszinierend.

Am Mainstream vorbei
Immer wieder gab es Tauchversuche am Mainstream vorbei. Die meisten Konzepte gab es schon früher, einige schon sehr lange. Sie verschwinden hinter Denk- und Fühleinschränkungen, werden jedoch immer wieder aus der Verdeckung gehoben, neu entdeckt . . .
Ein kluges Buch, das den Grund auslotet, ein bewegendes Buch, das in Bewegung bringt. Ein beglückendes Buch sogar. In den vielen anschaulichen Fallbeispielen wird deutlich: Winfried Picard ist in seinen Begleitungen unaufdringlich, eindrucksvoll und eindrücklich. Aufmerksam und präzise wird der tiefenpsychologische Focus erarbeitet. Er bleibt stets abgewogen, dabei tief herzlich und zugetan und sehr authentisch.

Er eröffnet eine neue Dimension der Einfühlung, die Tiefe unter der gewohnten Tiefe. Die Seele kann sich weiten in neue Tiefe, in neue Welt- und Herz-Verbundenheit. Ungewohntes wird bewohnbar, Heimat wird dort erworben, wo vorher Angst drohte.

Mir hat das Lesen des Buches viel gegeben. Es hat mich erweitert und auch ein wenig demütiger gemacht. Seine Herzlichkeit und Menschenliebe haben mich angerührt. Ich bin sicher, es wird anderen ebenso gehen, seien sie Patient, Therapeut oder der „normale“ Mensch auf dem Weg zum eigenen Heil, der Suche nach sich selbst.
Wir Therapeuten sind Vermittler, öffnen Kanäle. Vielleicht sind wir ja mehr den Schamanen verbunden als wir ahnen.

Lutz Rosenberg
Dozent Lutz Rosenberg, geb. 1941, ist Diplompsychologe und Mitbegründer der Deutschen Fachgesellschaft für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie
(Aus dem Vorwort zum Buch. Mit frdl. Genehmigung des Param-Verlages)