Trance – alles nur Neurochemie?

15.11.2005 von Dr. Erich Roth

Obwohl wir uns selbst oft in einem Trancezustand befinden, sei es bei leichter Musik, vor dem Einschlafen, beim „Tagträumen”, hat Trance in unserer Gesellschaft einen eher schlechten Beigeschmack. „Er handelte wie in Trance” heißt: der Akteur vollführte eine Handlung, in der er nicht ganz bei Sinnen war. Dieser negative Beigeschmack steht im krassen Gegensatz zu dem Verständnis vieler indigener Gesellschaften, wo Trance im ursprünglichen Zusammenhang mit Heilen stand und steht.

 

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Trance ist ein veränderter Bewusstseinszustand, in dem das Tageswachbewusstsein aufgelöst wird und das Unterbewusstsein Bedeutung und Macht erlangt. Wir wissen heute, dass der Großteil unserer Entscheidungen im täglichen Leben hauptsächlich vom Unterbewusstsein und viel weniger vom Wachbewusstsein getroffen wird. In dieser Arbeit soll nun ein naturwissenschaftliches Korrelat zwischen Gehirnstoffwechsel und Trancezustand hergestellt werden.

Wege zum Trancezustand
Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, einen Trancezustand zu erreichen. Erwähnt seien hier die Musik, der Tanz, die Hypnose, die Meditation, der Reizentzug, die Reizüberflutung, der Schlafentzug, das Fasten, das Zufügen von Schmerz, (guter) Sex sowie verschiedene Atem- oder Körperübungen. In diese Liste der Trance erregenden Möglichkeiten gehören aber auch psychedelische Drogen, Psychopharmaka, Anästhetika und Alkohol. Aus dieser Aufzählung sieht man, dass es ein weites Spektrum an Möglichkeiten gibt, um zu einem veränderten Bewusstseinszustand zu kommen.
Einerseits kann ein veränderter Bewusstseinszustand durch Substanzen erreicht werden, die exogen zugeführt werden, andererseits ist man offenbar durch gewisse Techniken in der Lage, die endogene Physiologie und Biochemie so zu verändern, dass ein Trancezustand erreicht wird. Das therapeutische Potenzial des Trancezustandes liegt möglicherweise darin, dass die Trance dazu beitragen kann, Angstzustände zu verringern. Andererseits verwendet der Schamane die Trance, um Kontakte mit Oberer und Unterer Welt zu schließen und Hilfe bei der Therapie mittels der Hilfsgeister oder der Ahnen zu erlangen.

Die Bedeutung der Gehirnareale im Trancezustand
Der größte Teil des menschlichen Gehirns besteht aus den Falten der Großhirnrinde, dem Neokortex, in dem alle höheren kognitiven Funktionen ablaufen. Die Entwicklung dieses „neuen Kortex” ist bei den Menschen für die zerebrale Intelligenz verantwortlich, die uns von den Tieren unterscheidet und uns befähigt, Sprache, Kultur, Kunst und Mythen hervorzubringen. Durch die Verbindung von Neokortex, Hirnstamm und Rückenmark laufen im Kortex auch die sensorische und motorische Steuerung zusammen.

Das limbische System wird als das emotionale Gehirn angesehen und verwebt Gefühle, Emotionen, mit höheren Gedanken und Wahrnehmungen. Es kommt dadurch zu emotionellen Zuständen wie Ekel, Enttäuschung, Neid, Staunen, Freude. Das limbische System ist unerlässlich für religiöse und spirituelle Erfahrungen. Elektrische Stimulationen der limbischen Strukturen verursachen bei Versuchen am Menschen traumhafte Halluzinationen, Gefühle der Körperlosigkeit und Sinnestäuschungen, wie sie auch während spiritueller Zustände beobachtet werden. Die wichtigsten Strukuren des limbischen Systems sind der Hypothalamus, die Amygdala und der Hippokampus.
Der Hypothalamus, evolutionsgeschichtlich gesehen der älteste Teil des limbischen Systems, trägt dazu bei, einfache Gefühle wie Wut und Schrecken sowie positive Empfindungen von Freude bis Glückseligkeit entstehen zu lassen. Bei Meditationen und anderen spirituellen Erfahrungen wurde auf Grund der dabei festgestellten vegetativen und hormonellen Veränderungen eine Änderung der Hypothalamusaktivität postuliert. Die Amygdala (auch Mandelkern genannt), die in der Mitte des Schäfenlappens sitzt, vermittelt praktisch alle höheren emotionalen Funktionen wie Liebe, Zuneigung und Freundlichkeit. Außerdem überwacht die Amygdala alle sensorischen Reize im gesamten Gehirn und sucht nach Daten, die darauf hinweisen, dass ein Handeln erforderlich ist. Erregungszustände bewirken eine erhöhte Aktivität der Amygdala (gemessen mit Imaging-Studien). Eine elektrische Stimulation der Amygdala führt beim Tier zu Unruhe, zu erhöhtem Herzschlag und Atemfrequenz. Die Amygdala stimuliert den Hypothalamus, der wiederum die vegetative Aktivität beeinflusst. Der Hippokampus wird stark von der Aktivität der Amygdala beeinflusst. Er trägt dazu bei, Emotionen mit Bildern, Erinnerungen und Lernerfahrung zu verbinden. Außerdem ist der Hippokampus in der Lage, die vom vegetativen Nervensystem erzeugten Beruhigungs- und Erregungsreaktionen zu regulieren, um ein emotionales Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.

Physikalische Messungen im Trancezustand
Eine der Möglichkeiten, um naturwissenschaftliche Korrelate bei Trancezuständen zu bestimmen, ist die Messung der Durchblutung bestimmter Gehirnareale sowie die Messung von Körperreaktionen wie Blutdruck und Herzfrequenz. Andrew Newberg führte in diesem Zusammenhang ausgedehnte Studien während der Meditation durch. Die Hirndurchblutung wurde mittels einer nuklearmedizinischen Methode, nämlich mittels einer SPECT-Kamera (Single Photon Emission Computed Tomography), untersucht. Diese Kamera ist ein Bild gebendes Gerät, bei dem mittels Abtastung die emittierte radioaktive Strahlung in Gehirnarealen (nach Verabreichung eines Markierungsstoffes) registriert wird. Eine verstärkte Durchblutung korreliert (in der Regel) mit einer erhöhten Aktivität, und man kann damit den Orientierungszustand des Individuums quantifizieren. Das Orientierungsfeld im Gehirn muss klar zwischen den physischen Grenzen des eigenen Ichs und dem Rest des Universums unterscheiden.
Menschen nach einem Unfall, bei denen das Orientierungsfeld traumatisiert ist, haben ein großes Problem, sich in der Umgebung zu orientieren. Im Zustand der Meditation kommt es nun in der Tat zu einer verringerten Aktivität im Orientierungsfeld, was vielleicht gleichzusetzen ist mit einem „Aufgehen im Raum” (Verwischung der Grenze zwischen dem Selbst und der Außenwelt). Genau so haben östliche Mystiker ihre mystischen Erfahrungen am Höhepunkt ihrer meditativen spirituellen Tätigkeit beschrieben. Das heißt, mystische Erfahrung und Trance sind biologisch real und naturwissenschaftlich wahrnehmbar. Eine andere Möglichkeit, Trancezustände mit naturwissenschaftlichen Methoden zu korrelieren, ist die Aufzeichnung von Intonationskurven. Interessanterweise ähneln die Intonationskurven bei Schamanen, wenn sie ihre Hilfsgeister rufen, denen von Gläubigen, die sich in religiösen Ausnahmezuständen befinden (Pfingstkirche), unterschieden sich aber von Intonationskurven, wie sie bei hypnotischen Zuständen oder bei Sprechen im Schlaf aufgenommen werden.
Eine weitere Untersuchungsmethode ermöglicht es, mittels der Aufnahme eines Elektroenzephalogramms (EEG) die elektrischen Tätigkeiten des Gehirns im Trancezustand aufzunehmen. Bei Untersuchungen an den Universitäten in München und Wien wurde nachgewiesen, dass es im Trancezustand zu einer Ausprägung von Thetawellen kommt, wobei die Alphawellen in (langsamere) Thetawellen übergehen und das elektrische Potenzial der Kortex-Oberfläche um einige tausend Microvolt steigt. Dies ist insofern interessant, da solche Wellen im Erwachsenenhirn normal nur bei Erlebnisleere (z. B. beim Einschlafen) auftreten, wohingegen sie bei Trance von Visionen begleitet werden.
Bei einer Versuchsanordnung von Prof. Vaitl, Institut für Psychobiologie und Verhaltensmedizin, Universität Gießen, über die Wirkung einer rhythmischen Stimulation stellte man fest, dass es im Trancezustand zu einer Verschiebung der Frequenz der Gehirnwellen von 16 – 32 Hertz (Betawellen) auf etwas drei bis fünf Hertz, also in den Thetabereich, der sonst ausschließlich bei Deaktivierung zu messen ist, kommt.

Biochemie des Trancezustandes
Hormone und Neurotransmitter sind die Botenstoffe, die unsere Emotionen im Wesentlichen bestimmen. Bei Trancezuständen kommt es im Blut zu einer Erhöhung von Adrenalin, Noradrenalin und Cortison, der mit einem Blutdruckabfall und einem Pulsanstieg vergesellschaftet ist. Felicitas Goodman setzte Probanden einem Rhythmuserlebnis (über Gitarren und Kürbisrasseln – 200 – 210 Schläge pro Minute), ähnlich dem, wie es bei Pfingstkirchen verwendet wird, aus. Ein Teil der Probanden reagierte mit starkem Herzklopfen, „Heiß-Werden”, und Muskelanspannung, wohingegen andere vom Gegenteil berichteten. Allerdings gaben alle an, sich in einer absoluten Erlebnisleere zu befinden. Dieses unterschiedliche Reaktionsmuster deckt sich mit den Erfahrungen aus dem Hypnosebereich, wo Forschungsresultate zeigen, dass es Menschen mit unterschiedlichen Talenten gibt, in Trance zu fallen. Sehr phantasiebegabte Menschen mit viel Kreativität können leichter „innere Bilder” entfalten und haben eine hohe Absorptionsfähigkeit - vergleichbar mit Kindern, die völlig im Spiel versinken. Während der Trance ist der hintere Hirnbereich mit der Sehrinde besonders angeregt, was mit einer Intensivierung der visuellen Vorstellungen einhergeht. Menschen mit „trockenen” Gehirnen, die sich nur schwer gehen lassen können, haben bei Trance- Experimenten eher eine Aktivierung der vorderen Stirnbereiche, ein Zeichen für erhöhte Aufmerksamkeit und Kontrolle.
Von den Neuropeptiden seien hier nur die endogenen Opiate erwähnt, zu denen die Endorphine und die Enkephaline gehören. Endorphine hemmen die Schmerzwahrnehmung und sind bei Lern- und Gedächtnisprozessen sowie möglicherweise im Sozialverhalten involviert. Im Trancezustand beginnt das Gehirn Betaendorphin auszuschütten. Dieses Opiat kann ein überwältigendes Gefühl von Freude, eine Euphorie erzeugen und ist möglicherweise für die „Süße” des religiösen Erlebnisses verantwortlich, von der die deutschen Mystiker immer wieder berichteten.
Sehr viele Meditationstechniken wie das autogene Training konzentrieren sich auf den Bauchraum, auf das Sonnengeflecht. Trance scheint sich somit biochemisch nicht nur im Kopf, sondern auch (vielleicht vor allem) im Bauch abzuspielen. Neu ist die Erkenntnis, dass die größte Menge des „Glückhormons” Serotonin in den Neuronen des Gastrointestinalraumes gebildet wird und deswegen ein Glücksgefühl, das mit einem „Kribbeln im Bauch” korreliert, durchaus ein biochemisches Substrat hat.

Literatur:
Damascio AR. Ich fühle, also bin ich. List Taschenbuch, 1999
Dudel J, Menzel R, Schmidt RF. Neurowissenschaft: Vom Molekül zur Kognition. Springer Verlag, 2001
Goodman FD, Trance. Der uralte Weg zum religiösen Erleben. Gütersloher Verlagshaus, 2003
Newberg A, D’Aquili E, Rause V. Der gedachte Gott. Wie Glaube im Gehirn entsteht.: Piper Verlag München; 2003

Prof. Dr. Erich Roth, Wien