Das Geheimnis des Pakoika

01.09.2005 von Bill Brunton

Eine der ältesten schamanischen Kulturen Sibiriens ist die der Nganasanen. Die etwa 900 Menschen umfassende Ethnie lebt im äußersten Norden Eurasiens, auf der Taimyr-Halbinsel. Typischerweise sind diese Uralisch sprechenden Ureinwohner Rentierzüchter und Jäger. Sie sind der Überzeugung, dass vom Menschen geschaffene Gegenstände mit schamanischer Kraft aufgeladen werden können.

 

pakoikanganasane

 

Diese auch in anderen Teilen Sibiriens (vor allem bei den Nanai) bekannten „Geistfiguren” haben als klassische Kraftobjekte Schutzfunktion - sowohl für den Schamanen als auch für das gesamte Volk.

Eine dieser Figuren, ein „Pakoika” (wörtl. übersetzt „Holzbild”) kam durch den finnischen Ethnologen Heimo Lappalainen (gest. 1994) in den Besitz der Foundation for Shamanic Studies. Der nganasanische Schamane Saime hatte die Figur 1962 dem russischen Ethnologen Juri Simtschenko (gest. 1995) anvertraut. „Heb das gut auf, und vergiß es auch nach meinem Tode nicht”, lautete Saimes Auftrag. Der offensichtliche Grund für die Weitergabe an einen Nicht-Nganasanen war, dass Saime keinen Nachfolger als Schamane hatte. Zudem bestand die Gefahr der Zerstörung der Figur im Zuge kommunistischer „Bilderstürmerei” oder darin, dass sie aus kommerziellen Gründen auf dem internationalen Kunstmarkt hätte landen können und damit den Nganasanen für immer verloren gegangen wäre.

FSS-Gründer Michael Harner beschloß den Ankauf von Pakoika - mit der Absicht, das Heiligtum den Eigentümern zu passender Zeit zurückzugeben.

Man kann die Bedeutung der Figur für die Nganasanen mit der der Bundeslade für die Israeliten vergleichen. Die Überlieferung berichtet, dass Pakoika in Schlachten auf einem Schlitten mitgeführt wurde und dem legendären Stammesführer Tarudo den Sieg über die feindlichen Nachbarstämme der Nenzen und Tungusen ermöglichte. Das etwa 200 Jahre alte Holzbild wurde von Archäologen in den USA untersucht, digital dreidimensional fotografiert und somit genau dokumentiert. Auch wenn Pakoika wieder „daheim” ist, steht dieses Dokument Wissenschaftlern weiterhin zur Verfügung.

Charakteristisch für den „Schutzheiligen” sind einige gebrochene Gliedmaßen, Kerben an der Oberfläche und Löcher, die oft sogar durch das gesamte Objekt hindurch gebohrt sind. Es kann sein, dass Pakoika in Kämpfen einiges abbekommen (und damit den Kämpfern abgenommen) hat, anderes hat sicherlich auch schamanische Bedeutung.

Dieser Zeitpunkt der Rückgabe könnte jetzt (2005) gekommen sein. Nadeschda Kosterkina, die Tochter des verstorbenen letzten Nganasan-Großschamanen Tubyaku Kosterkin, wurde bereits von Vertretern der russischen Akademie der Wissenschaften kontaktiert. Sie könnte die geeignete Person sein, dieses Heiligtum im Namen ihres Volkes entgegenzunehmen.

Die Rückgabe der Holzfigur durch Bill Brunton wurde 2005 vollzogen. Pakoika ist seither im Nationalmuseum von Dudinka ausgestellt.

Literatur:
Lappalainen, Heimo: Idol Nganasan Spiritual Protector, unveröffentlichtes Manuskript der FSS (1993).
A. A. Popow: Nganasani. Die Expeditionen der sowjetischen Akademie der Wissenschaften zu den Nganasanen 1936-1938, Moskau 1948 (russ.).
Alexander Milovsky: Tubiakou’s Spirit Flight. Natural History 34, 35-41 (1992).
Juri Simtschenko: A Computer for the Shaman. Newsletter of the Foundation for Shamanic Studies 4 (1991).