So lebt man als Schamane

21.08.2012

Zeitung_GruppeMit der politischen Wende, dem Zerfall der Sowjetunion im Jahre 1991, ist auch der Schamanismus Russlands in eine neue Phase getreten. Dessen Ausübung ist jetzt grundsätzlich frei wie die jeder anderen Religion (in Russland wird Schamanismus in der Regel den Religionen zugerechnet). Als Schwerpunkt gilt nach wie vor Sibirien (Hauptgebiete Tuwa, Burjatien, Jakutien, Chakassien und der Altai). Kolchosen (Kollektivwirtschaften) und Sowchosen (staatseigene Betriebe) gibt es nicht mehr.

Zum Bedauern der Schamanen wird Schamanismus von keiner übergeordneten (internationalen) Organisation oder Religionsgemeinschaft unterstützt. Die russisch-orthodoxe Kirche kann, wie an ihren prunkvollen Bauten (viele Kirchen wurden neu errichtet) erkennbar, mit großzügiger staatlicher Hilfe rechnen. Der heuer neu gewählte alte Präsident Wladimir Putin lässt keine Gelegenheit vorübergehen, sein Füllhorn über das dominierende Moskauer Patriarchat auszugießen und sich damit dessen Unterstützung zu sichern. Auch buddhistische Tempel und Gruppen in ganz Russland können mit Hilfe rechnen.

Für Tuwas Schamanen passiert nichts dergleichen — aus dem einfachen Grund, dass es keine weltweite schamanische Kirche gibt.

Jeder Schamane muss selbst sehen, wo er bleibt — auf diese Kurzformel lässt sich die „neue Freiheit“ reduzieren. Salopp ausgedrückt kann er froh sein, nicht mehr verfolgt und eingesperrt zu werden oder vom Entzug der bürgerlichen Ehrenrechte und dem Verlust seines Vermögens bedroht zu sein, aber mit besonderer Unterstützung kann er nicht rechnen.

So hat jeder Schamane im Wesentlichen drei Möglichkeiten:

● Er organisiert sich als Mitglied einer Art Zunft, ist hauptberuflich Schamane und erhält damit Rechte, geht aber auch Verpflichtungen ein (1).
● Er arbeitet selbstständig ausschließlich als Schamane (2);
● Er arbeitet unselbstständig (hat also einen Brotberuf) und schamanisiert nebenbei (3).

Die größte und am besten beschreibbare Gruppe ist nunmehr (1). Die meisten Schamanen Tuwas sind in mehreren Gesellschaften organisiert, die älteste und größte ist „Düngür“ („Trommel“); sie wurde vom Schamanismusforscher Prof. Mongusch Borachowitsch Kenin-Lopsan im Jahre 1991 gegründet — ein in die Zukunft weisender Schritt. Kenin-Lopsans Angaben zufolge waren im April 2012 in Tuwa 1400 Schamanen registriert, von ihnen 400 in „Düngür“.

Angehörige der Gruppen (2) und (3) repräsentieren die sozusagen „klassische“ Situation Tuwas. Neben ihrer alltäglichen Tätigkeit als Hirten, Viehzüchter, Schmiede, Land- oder Fabrikarbeiter stellten sie schamanische Fähigkeiten in den Dienst ihrer Familien oder Sippen — typisch „Nebenberufliche“.

Zeitung_PaulVereinzelt gab es hauptberufliche (2) Schamanen, die weithin bekannt waren und regelmäßig reisten, also „eingeladen“ wurden — die tuwinische Sprache hat einen eigenen Ausdruck hiefür: „Chogdurgan cham“. Sie großzügig zu honorieren war selbstverständlich, und es mag schon vorgekommen sein, dass es gut situierte Schamanen gab. Die Voraussetzung für Wohlhabenheit war jedoch eher die Fähigkeit, Erworbenes zusammenzuhalten, und diese Kunst scheinen nur wenige beherrscht zu haben. Jedenfalls sind genügend Lieder von Schamanen erhalten, die ihre eigene Armut oder die Knausrigkeit ihrer Auftraggeber beklagen.

In der 150.000-Einwohner-Stadt Kysyl leben „einige“ der 2. und „mehrere“ der 3. Gruppe, genaue Zahlen fehlen. Es sind Arbeiter, Angestellte, Lehrer, Handwerker und Vertreter anderer Berufe unter ihnen. Manche nennen sich nicht Schamane. Bekannt in Kysyl ist ein Ingenieur, der als Seher und als vorzüglicher Heiler gilt - aber Schamane ist er eigenen Angaben zufolge nicht. Anderseits ist eine Lehrerin am Polytechnischen Institut bekannt: Sie besitzt eine Trommel und ein Schamanenkostüm, schamanisiert nach Bedarf und legt Wert darauf, als Schamanin zu gelten. Schwierigkeiten mit ihrem Dienstgeber gibt es nicht.

Die schamanischen Gesellschaften (rechtlich handelt es sich um Vereine) prägen den Wandel in der Struktur des Schamamentums in Tuwa am deutlichsten. Sie wären zu Sowjetzeiten undenkbar gewesen. Ein zusätzlicher Impuls ging zweifellos 1993 von der amerikanisch-österreichischen FSS-Expedition unter Leitung des finnischen Ethnologen Heimo Lappalainen aus: Hier erlebten Tuwas Schamanen hautnah, wie effizient Zusammenarbeit in Gruppen sein kann, zumal es vordem geradezu sprichwörtlich hieß: „Ein Schamane ist Kraft, zwei Schamanen sind Streit.“ Jedes Mitglied zahlt von seinem Einkommen (im Durchschnitt 15.000 Rubel, 360 €) im Monat 3500 Rubel (83 €) an Düngür, davon werden die laufenden Kosten für das Haus (im Eigentum des Vereins) in der Rabotschaja 245 in Kysyl bestritten, dazu Heizung (Kohle), Strom, Holz, Pensionsbeiträge und die Löhne für das Personal. Dieses besteht aus einem Obmann (neu gewählt wurde 2011 Ak-ool Dorschu Monguschewitsch), einem Sekretär und einem Hauswart, der Reparaturen erledigt und Sicherheitsaufgaben hat. Das ist in Tuwa notwendig, weil das Land als notorisch unsicher gilt. Raubüberfälle und Einbrüche sind häufig - jeder, der es sich leiten kann, hat zwei, manchmal sogar drei stählerne Wohnungstüren mit jeweils ein bis drei Schlössern. Die meisten Wohnungsbesitzer sind der Meinung, dass man sich Sicherheit einfach leisten muss.

Das wichtigste Recht der Düngür-Mitglieder besteht darin, die Räumlichkeiten des Hauses für schamanische Sitzungen nutzen zu können - selbstverständlich in Absprache mit Kollegen und Sekretariat. In den Sommermonaten ist es in der Regel kein Problem, weil da auch draußen gearbeitet wird, aber im eisigen Winter kann es schon einmal eng werden. Der einzige Arbeitsraum hat schon oft gleichzeitig Rituale von fünf Schamanen erlebt, ist aber damit an eine Grenze gelangt. Das ist einer der wichtigsten Gründe, weshalb „Düngür“ auf Hilfe von außen angewiesen ist, damit erweitert und angebaut werden kann.

Eine eigene Pension als Schamane gibt es nicht, aber jeder Russe hat Anrecht auf Alterspension - auch dann, wenn er niemals beschäftigt war, was auf viele Hirten, Fischer und Jäger zutrifft. Die Minimalpension betrug 6169 RUB, (alle Zahlen aus 2011, das sind 147 EUR), das offizielle Existenzminimum 6788 RUB (151 €). Weshalb nicht einmal das offizielle Existenzminimum erreicht wird, ist eines der undurchschaubaren Rätsel des russischen Systems. Ein Waisenkind kann gar nur mit 5028 RUB rechnen — der Staat geht offensichtlich davon aus, dass es ohne die Hilfe eines Erwachsenen ohnedies nicht lebensfähig wäre.

Von 15.000 RUB kann man so einigermaßen leben (Durchschnittseinkommen 16.700 RUB). Höhere Angestellte mit entsprechender Qualifikation (Lehrer, Professoren, Ingenieure) können mit etwa 25.000 RUB rechnen. Rechtsanwälte und Richter kommen auf das Vierfache.

Zeitung_TabelleDie Klientel der Schamanen umfasst alle Bevölkerungsschichten, Tuwinier sind eher drunter als Russen. Aber auch aus Russland, Europa, Asien und den USA kommen Klienten. Ein Schamane: „Im Wesentlichen ist es Vertrauenssache. Wer mir vertraut, kommt wieder.“

Die Zusammenarbeit mit Ärzten und Spitälern funktioniert vorurteilslos. Ärzte haben in der Regel nichts dagegen, dass Schamanen ins Spital kommen — aber man fragt sie besser vorher. Manche Ärzte schicken Kranke direkt zu Schamanen. Regelmäßige Kooperation gibt es mit einer psychiatrischen Klinik. Direktoren laden gelegentlich Schamanen ein, um ein Spital zu „reinigen“.

Stirbt jemand, holt man in Tuwa nahezu immer einen Schamanen — er ist nach allgemeiner Ansicht der einzige, der mit der Seele eines Verstorbenen reden kann; Buddhisten und Christen denken im allgemeinen ähnlich. Konflikte zwischen den Religionen kommen kaum vor, in Tuwa gilt das Prinzip, dass sich jeder von überallher alles holen kann, was er braucht. Der Schamane ist der professionelle Interpret im Gespräch zwischen dem Verstorbenen und den Hinterbliebenen; er findet heraus, was der Verstorbene braucht, wen von den Verwandten er „mitnehmen“ will und was die Familie zu „zahlen“ hat, damit der verschont bleibt (meist wird ein Tier geopfert — das ist die „demokratischeste“ Lösung, davon haben alle etwas). Die Tradition sieht vor, dass der Schamane am 7., am 49. und am Todestag im 3. Jahr ein Ritual für den Verstorbenen macht.

Die Vorstellungen vom Jenseits klingen vertraut. Hat jemand rechtschaffen gelebt, kommt seine Seele ins Paradies („Düwaaschan“). Eine Art Recht darauf hat etwa eine Frau, die mindestens fünf Kinder geboren hat: „Sie wird im Land ihrer Ahnen wiedergeboren“, versichert ein Schamane. „Und wenn einer ein böser Mensch war, dann kommt seine Seele ins Land von Erlik, den Fürsten der Unterwelt. Erlik nimmt aber nicht jeden“. Was die Alternative ist, bleibt offen, zumal Erlik manchmal auch braven Leuten Gastfreundschaft gewährt und Höllenqualen nicht bekannt sind. Zum Glück kennt die tuwinische Volksmythologie eine Unzahl von Himmeln — den weißen, den blauen, den roten, den schwarzen, die neun Himmel, den Kurbustu-, den Tschagar-Himmel . . . da sollte sich für jeden — ob Sünder oder Heiliger — das Passende finden.

Paul Uccusic, Aldynai Seden-Chuurak