Höhle und Kosmos

25.11.2013 von Mag. Roland Urban

Cover Harner_deutsch

MICHAEL HARNER: HÖHLE UND KOSMOS  - Schamanische Begegnungen mit der verborgenen Wirklichkeit

Michael Harner, einer der bedeutendsten Schamanismus-Experten, präsentiert mit ´Höhle und Kosmos´ die Essenz seiner wissenschaftlichen wie praktischen Arbeit von mehr als 50 Jahren. Der Gründer der Foundation for Shamanic Studies belegt eindrücklich die Existenz von Geistern und leistet mit einer Kartografie der nicht-alltäglichen Wirklichkeit einen unschätzbaren Beitrag zur Schamanismusforschung.


Im Folgenden finden Sie eine Leseprobe: (305ff.) 

Die weit verbreitete Ansicht, dass Geister, etwa menschliche Seelen, wirklich existieren, ist für die moderne Wissenschaft inakzeptabel, und das schon seit einigen Jahrhunderten. Ein Geist, nämlich Gott, wird zwar mitunter erwähnt (zum Beispiel von Albert Einstein), in ihrer Gesamtheit aber gelten Geister und Seelen als Anathema und unvereinbar mit dem naturwissenschaftlichen Weltverständnis. Anders ausgedrückt: Die westliche Naturwissenschaft beruht auf einem Glauben – dem Glauben, dass Geister nicht existieren können. Historisch hängt diese Haltung mit den Angriffen der Kirche auf so bahnbrechende Forscher wie Galileo Galilei und Nikolaus Kopernikus in den Zeiten der Renaissance und Reformation zusammen. Als Reaktion verfügten westliche Naturwissenschaft und Medizin während der „Aufklärung“, es gebe keine Geister und Seelen; deshalb seien sie weder für die wissenschaftliche Forschung noch für die medizinische Praxis von irgendeiner Bedeutung.

Immanuel Kant und die Geister
Historisch mag diese Position verständlich sein. Dass sie aber auch heute vertreten, also das Apriori, bestimmte Phänomene würden nicht existieren, noch aufrecht erhalten wird, schränkt die Wissenschaft erheblich ein. Mit dieser Auffassung stehe ich keineswegs allein. Mein Kollege Paul Uccusic hat mich darauf hingewiesen, dass schon der große Philosoph Immanuel Kant über Geister sagte: Was können wir nun von den Geistern a priori erkennen? Wir können uns Geister nur problematisch denken, das heißt, es kann kein Grund a priori angeführt werden, dieselben zu verwerfen . . . Wir können uns recht gut Wesen vorstellen, die gar keinen Körper haben und dennoch denken und wollen.“ (Hervorhebungen im Original).
Auch heute muss die Naturwissenschaft die Nichtexistenz von Geistern erst noch beweisen. Denn wie Karl Popper feststellt, gehört die Widerlegung beziehungsweise Falsifizierung einer Theorie zu den Grundpfeilern der Wissenschaft. Und solange die Theorie der Existenz von Geistern nicht widerlegt ist, kann sie logischerweise nicht einfach ignoriert werden. Mit anderen Worten: Die ziemlich unwissenschaftliche Haltung der Wissenschaft, der zufolge es keine Geister gibt, ist reine Glaubenssache – und erinnert ironischerweise an religiöse Dogmen.

Heilungen und Wunder
Eine bemerkenswerte Ausnahmeerscheinung innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinde war der große englische Naturforscher Alfred Russel Wallace, der zeitgleich mit Charles Darwin eine Theorie der natürlichen Auslese aufstellte. Nachdem Darwins revolutionierendes Werk „Über die Entstehung der Arten“ 1859 erschienen war, widmete sich Wallace akribisch der Erforschung der Geister und veröffentlichte 1874 sein Buch „Miracles and Modern Spiritualism“ („Wunder und moderner Spiritualismus“). Trotz Wallaces sorgfältiger Recherchen traf das Werk allgemein auf Ablehnung. Als Reaktion auf seine Kritiker schrieb der Autor 1896 in einer späteren Ausgabe des Buches: „Jene Theorie ist die wissenschaftlichste, die die ganze Reihe von Phänomenen erklärt; deshalb behaupte ich, dass die Geister-Hypothese die wissenschaftlichste ist, denn selbst die, die ihr am heftigsten widersprechen, räumen oft ein, dass sie alle Fakten erklärt, was sich über keine andere Hypothese sagen lässt“.
Anders als die Westler, die Wallaces Buch ablehnend gegenüberstanden, waren indigene Schamanen schon lange zuvor zu ganz ähnlichen Schlussfolgerungen gelangt wie er. Die Ergebnisse, die sie in zahllosen Heilexperimenten an ihren Patienten erzielt hatten, und das oft in Situationen, in denen es um Leben oder Tod ging, bestätigten Wallaces Schlüsse (oder besser gesagt umgekehrt: seine bestätigten die ihren). Und das schon seit vielen Jahrtausenden in Tausenden unterschiedlicher Kulturen unabhängig voneinander auf fünf Kontinenten. Was nicht weiter überrascht: Die Grundlagen der indigenen schamanischen Praxis sind einander überall auf der Welt bemerkenswert ähnlich und bilden auch die Basis des Core-Schamanismus.
Wie Wallace gezeigt hat, lassen sich solche Phänomene am besten anhand des wissenschaftlichen Prinzips der Sparsamkeit im Umgang mit theoretischen Annahmen („Ockhams Rasiermesser“) verstehen, und entsprechend lautet die Erklärung einfach: Geister sind real. Was nicht heißt, dass man auf den Versuch verzichten sollte, auch nichtspirituelle Erklärungen für die schamanischen Phänomene zu finden.
Zu den berühmtesten dieser „unmöglichen“ Phänomene gehören die Berichte über Nahtoderfahrungen. Für die Wissenschaft sind sie nach wie vor unerklärlich. Ein Spezialist in Sachen Nahtoderfahrungen sagt zur herrschenden Situation: „In dreißig Jahren wissenschaftlicher Forschung ist es immer noch nicht gelungen zu erklären, wieso es überhaupt zu Nahtoderfahrungen kommt.“

Auch Telepathie ist ungeklärt
Als ich Charles Tart – einen Pionier strikt wissenschaftlicher Ansätze auf dem Gebiet der Parapsychologie – einmal fragte, auf welchen Mechanismen eigentlich die Telepathie beruht, antwortete er ähnlich: „Ich habe nicht die geringste Ahnung und kann mir auch nicht vorstellen, dass es irgendjemandem anders geht.“ Später fügte er hinzu: „Die wissenschaftlichen Versuche, Nahtoderfahrungen und parapsychologische Phänomene zu erklären, sind an ihre Grenzen gestoßen, und zwar teilweise aufgrund vieler psychologischer Schwierigkeiten auf diesen Gebieten, zum Teil aber auch, weil die Existenz von Geistern a priori bestritten wurde.“
Diese Grenzen mögen sich jetzt verschieben, und Charles Tart schließt die Möglichkeit nicht mehr aus, dass Geister auf seine Versuche einwirken könnten. Denn er sagte: „Selbstverständlich bin ich offen gegenüber der Tatsache, dass es eine irgendwie geartete geistige Welt gibt und ich manchmal, vielleicht sogar oft, ‚Mit-Experimentatoren‘ habe, von denen ich nicht weiß, was sie mit diesem oder jenem Experiment beabsichtigen.“
Alfred Russel Wallace zufolge bietet die Existenz von Geistern Erklärungen für eine Vielzahl ansonsten unerklärlicher Phänomene, die von anderen in die nichtkausalen Kategorien „Zufall“ oder „Synchronizität“ abgeschoben werden. Überraschen sollte uns seine Aussage allerdings nicht; schließlich wird die Existenz der Geister kulturübergreifend seit Jahrtausenden von Schamanen bestätigt und bekräftigt, und getestet wurde sie von ihnen obendrein. Sobald man verstanden hat, dass es Geister wirklich gibt, wird vieles, was Außenstehende für ausgeschlossen halten, verständlich. Und es lässt sich auch reproduzieren.


480 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag,
ISBN 978-3-7787-7483-0, Ansata, € 25,70
Auszug mit freundlicher Genehmigung des Ansata-Verlages, München

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