Divination – die Kunst der Weissagung

19.11.2015 von Mag. Roland Urban

orakel

"Die Menschen müssen aufgeweckt werden oder es könnte passieren, dass sie für immer schlafen. Und sie müssen nicht nur durch alltägliche Bildung aufgeweckt werden, wie wichtig dies auch immer ist, sondern auch durch persönliche, herzbezogene, spirituelle Erkenntnis. Tiefe Erkenntnis über die Verbundenheit aller Dinge. Mögen wir zusammen arbeiten – so schnell, wie wir können. "(1)
Michael Harner hat diese Worte 1986 verfasst. Der konkrete Hintergrund war die Nuklearkatastrophe in Tschernobyl. Die Aktualität des Aufrufs zur raschen Kooperation scheint unverändert, selbst wenn die äußeren Anlässe andere sind. Zumindest oberflächlich betrachtet. Die Kluft zwischen Natur und Mensch, aber auch zwischen uns Menschen, scheint nach wie vor groß, zu groß.

Der Schamanismus kann uns eine große Hilfe sein, die vielerorts angedeutete Verbundenheit nicht nur zu postulieren, sondern ganz konkret zu erfahren.

Verborgene Information

„Der Schamane trat sein Amt bei Bedarf an und gab für jene Zeit sein alltägliches Leben in der Rolle eines Familienvaters, Ehemannes, eines Rentiernomaden, eines Fischers, eines Jägers usw. auf. Dann wurde auch die Ausstattung des Schamanen hervorgenommen. Der wichtigste Gegenstand in dieser Ausrüstung war bei den Saamen die Zaubertrommel (goavddis), einschließlich seiner Accesoires. Zu diesen gehörten ein T-förmiger Hammer aus Rentierbein und der ´Frosch´, ein kleiner Gegenstand, der während der Weissagung auf der Membrane der Zaubertrommel bewegt und im finnischen Teil Lapplands meist als ´Los´ bezeichnet wurde. Häufig bestand das Los aus Metallringen, die gebündelt waren.“ (2)

Divination befasst sich mit der Einholung von Informationen, die üblicherweise – unter Zuhilfenahme der herkömmlichen fünf Sinne und den Instrumentarien der Wissenschaften – nicht verfügbar sind. Michael Harner spricht in diesem Zusammenhang von der so genannten ´hidden information´ oder ´verborgenen Information´. Diese Informationen kommen von den Geistern, den zentralen Instanzen im Schamanismus und primären Quellen von Kraft und Weisheit. Den Schamaninnen und Schamanen kommt die klassische Aufgabe des Vermittelns zwischen den Welten zu. Sie arbeiten in einem (leicht bis stark) veränderten Bewusstseinszustand und öffnen sich für das Wissen der Geister bzw. unternehmen eine schamanische Reise zu ihren Verbündeten. Die Verantwortung der Schamaninnen und Schamanen ist es, mit dem erhaltenen Wissen sorgsam umzugehen und dieses dem KlientInnen in förderlicher Weise zu kommunizieren.

Die konkrete Art, wie diviniert wurde bzw. wird, unterliegt einer ungemeinen Variation. Mittels ´Los´ auf der Trommel bei den Saamen, 41 Steinen in Tuwa, dem Schädel eines toten Schamanen bei den Jukagiren Nordost-Sibiriens, Schulter- bzw. allgemein Tierknochen, etwa in Sibirien, Nordamerika und den circum-polaren Regionen, (Sprech-)Gesängen bei den Navajo Nord- bzw. den Yaminawá Südamerikas, oder den Sternen bei den Ainu Japans. (3, 4)

Das dahinterstehende Funktionsprinzip ist stets das gleiche: Die Schamaninnen und Schamanen stehen im Kontakt mit den Geistern, ´lesen´ die Antwort ab und geben diese an die KlientInnen weiter. Oftmals kommen dabei besondere, ´heilige´ Gegenstände zum Einsatz, die spezifisch für die divinatorische Arbeit gesammelt bzw. hergestellt wurden – unter anderem: Pflanzen, Steine, Kristalle, Artefakte aus Holz, Ton, Stein, Metall oder Tierknochen. Es wird berichtet, dass sich die Objekte während der Arbeit mitunter auch physisch erwärmen, dass sie sich ´erhitzen´, so wie die SchamanInnen. (5) Divinationsobjekte sind Träger von Kraft und stehen in der Regel mit spezifischen Geistern in Verbindung, sind wichtige Arbeitswerkzeuge, Teil der Paraphernalia der SchamanInnen.

Im so genannten Westen scheint die schamanische Divination unterschätzt zu werden bzw. nicht den Platz zu bekommen, der ihr gebührt. Die schamanische Arbeit etwa in Europa ist durch eine starke Zuwendung zu und Betonung von Heilarbeit gekennzeichnet – vor allem im Sinne der konkreten Anwendung relevanter Techniken. Nicht so in indigenen Kulturen. In Teilen Sibiriens etwa erhalten die Novizen als ersten Ausrüstungsgegenstand den Trommelschlägel, der deutlich vor der Trommel angefertigt wird (6). Er kommt nicht nur im eigentlichen Zusammenhang mit der Trommel zum Einsatz, sondern – wie z.B. in Tuwa – auch zur Divination. Die zukünftigen SchamanInnen müssen die Kunst der Divination beherrschen, bevor sie beginnen, mit der Trommel zu arbeiten.

Divination ist als grundlegend für den Schamanismus zu verstehen. Sie meint im Kern die Kommunikation mit den Geistern, stellt die Basis für jegliche Form der Heilarbeit dar, und initiiert Lösungsansätze für den Umgang mit Unsicherheiten, Imbalancen, auswegslos erscheinenden Situationen, Verzweiflung oder dem Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit.

Gestern wie heute

Schamaninnen und Schamanen stehen im Dienste ihrer Gemeinschaft. Sie konsultieren die Geister, wenn es notwendig erscheint, wenn eine sichere und fruchtbare Existenz eben dieser Gemeinschaft bedroht ist. Das kann die Suche nach Sicherheit, Quartier und Nahrung betreffen; den Umgang mit umwälzenden Veränderungen sowie den damit einhergehenden Unsicherheiten und Ängsten; die Lösung von Konflikt, Terror, und Krieg; oder die Entfremdung der Menschen untereinander.

Dies gilt für indigene Kulturen ebenso wie für postmoderne Gesellschaften. Die konkrete Gestalt mag unterschiedlich sein, die Themen sind die gleichen. Gestern wie heute.

Divinatorische Arbeit sollte von den großen Notwendigkeiten des Lebens und Zusammenlebens handeln, ihre Ausrichtung jedoch dorthin finden, wo unmittelbare und nachhaltige Entwicklung am besten initiiert werden kann: vor Ort, in der lokalen Gemeinschaft. Es geht letztlich immer um den persönlichen Beitrag zum größeren Ganzen, im Schamanismus und allgemein im Leben.

 

Quellen

(1) Harner, Michael (1986): Editorial. Center for Shamanic Studies Newsletter. Summer 1986 Issue. S. 1. (Übersetzung RU)
(2) Juha Pentikäinen (1997): Die Mythologie der Saamen. Berlin: Reinhold Schletzer. S. 170.
(3) Vgl. etwa Hoppál, Mihály (2002): Das Buch der Schamanen: Europa und Asien. München: Ullstein, oder Hultkrantz, Åke, Ripinsky-Naxon, Michael, Lindberg, Christer (2002): Das Buch der Schamanen: Nord- und Südamerika. München: Ullstein.
(4) Für ein ausführliches Beispiel einer Arbeit mit einem chuvanaak-Orakel in Tuwa, bestehend aus 41 Steinen, siehe Oelschlägel, Anett C. (2004): Der Weiße Weg: Naturreligion und Divination bei den West-Tyva im Süden Sibiriens. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag. 97ff.
(5) William S. Lyon (2012): Spirit Talkers: North American Indian Medicine Powers. S. 211ff.
(6) Hoppál, Mihály (2002): Das Buch der Schamanen: Europa und Asien. München: Ullstein. S. 134.