Schamanismus und Wissenschaft – Ein Schritt vom Brückenschlag zur Kooperation

21.06.2016 von Dr. Andreas Hirsch

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Bericht von der Tagung der FSSE an der Johannes Kepler Universität Linz im Juni 2016

Schamanismus und Wissenschaft – auf den ersten Blick sind das zwei Wege des Wissens, die verschiedener nicht sein können. Doch auf den zweiten Blick zeigen sich nicht nur innere Gemeinsamkeiten dieser beiden Weltsichten, sondern auch so manche Gelegenheit für einen Brückenschlag, ja für ein komplementäres Zusammenwirken. Eine solche Gelegenheit, das Verbindende auszuloten, war die Tagung "Schamanismus und Wissenschaft", die von der Foundation for Shamanic Studies Europe in Linz veranstaltet wurde. Am 9. Juni 2016 trafen an der Johannes Kepler Universität Linz Expertinnen und Experten aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen mit Praktikerinnen und Praktikern des Schamanismus zusammen – insgesamt mehr als 165 Personen aus mehr als 10 Nationen und 2 Kontinenten.

Die Bandbreite der Vorträge und der praxisorientierten Workshops spiegelte die Vielfalt der Realitätsentwürfe wider, die mit einer komplementären Sicht auf Schamanismus und Wissenschaft einhergehen. Nicht wenige der Vortragenden stellten sich der Herausforderung, wissenschaftlich fundierte Tätigkeit mit schamanischer Weltsicht und Praxis in Einklang zu bringen. Künstlerische Arbeiten, die an schamanische Traditionen anknüpfen oder von der schamanischen Erfahrung inspiriert sind, rundeten das Spektrum ab.

Roland Urban bot mit seiner Analyse der methodischen Gemeinsamkeiten von Wissenschaft und Schamanismus, die beide auf Erfahrung aufbauen, die Grundlagen für ein Verständnis des Schamanismus als einer "Wissenschaft der nichtalltäglichen Wirklichkeit". Er zeichnete die Perspektiven eines Zusammenwirkens der beiden Bereiche als nicht nur nützlich, sondern wesentlich für die Zukunft. Während der Anthropologe William S. Lyon Fragen zwischen Bewusstsein und Quantenphysik vor dem Hintergrund seiner reichen Erfahrungen mit den Heilzeremonien nordamerikanischer Indianer erörterte und demonstrierte, ging die Archäologin Jutta Leskovar nicht nur dem Alter des Schamanismus nach, sondern erprobte auch praktische Anwendungen schamanischer Divination im Dienste archäologischer Forschung. Der Zukunftsforscher Kai Goerlich ging den Potenzialen einer Zusammenschau moderner Zukunftsforschung mit ihrem "magischen Nimbus" und den pragmatischen Implikationen von Methoden schamanischer Divination nach. Alexandra Uccusic präsentierte Illustrationen aus ihrem Kinderbuch "Florian Federleicht und die Suche nach der Zauberperle", das Reisen in eine andere Welt als Wege zur Heilung für andere Menschen zeigt. Andreas J. Hirsch fragte nach Wegen, den aktuell omnipräsenten Hass zu überwinden, und folgte dabei den Verbindungen zwischen Pionieren moderner Wissenschaft wie Isaac Newton und Johannes Kepler, die gleichzeitig Alchemie bzw. Astrologie betrieben, und heutigen Forschern wie Michael Harner, der – von der Wissenschaft der Anthropologie kommend – den Core-Schamanismus entwickelte und so eine Renaissance des Schamanismus einleitete.

Zwei Gebiete schamanischer Praxis zogen besondere Aufmerksamkeit auf sich: Der Mediziner Thomas Schmitt erörterte Erfahrungen aus seiner seit 2007 in Wien bestehenden ärztlich-schamanischen Ambulanz für Menschen mit der Diagnose Krebs. Der Künstler Anatol Donkan erarbeitete mit einer Workshopgruppe spirituelle Figuren in der Tradition der Nanai, wie sie seine eigene Arbeit stark prägen.

Die aus Anlass der Tagung erschienene Publikation "Schamanismus und Wissenschaft" vereint die Beiträge der Vortragenden ebenso wie ergänzende Texte zur Thematik von Autoren wie Michael Harner, Anett C. Oelschlägel und Günther Wirsching. Sie ist über den Online-Shop der Foundation for Shamanic Studies bzw direkt über shop@shamanicstudies.net erhältlich (€ 12,80, plus Porto).