Der Mystische Pfad der Bienen

01.06.2008

.Ein aus dem alten Griechenland stammender Mysterienkult sammelt Informationen in Bienenstöcken. Der Schamane kann darauf zugreifen, soll aber auch neues Wissen hinzufügen. Simon Buxton berichtet über seine (schmerzhafte) Einweihung und seinen seither routinierten Umgang mit der spirituellen Welt.

 

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Ja - was war eigentlich mein erster Kontakt mit der spirituellen Welt? — Ich denke, es passierte, als ich neun Jahre alt war. Damals lebte ich mit meinen Eltern in Wien, und plötzlich erkrankte ich schwer. Die Ärzte waren verzweifelt, von einem Krankenhaus wurde ich ins andere weitergereicht; zuletzt nahmen mich meine Eltern aus dem Spital, um mir eine angenehmere Umgebung für meine bevorstehenden „letzten Tage“ zu bieten.
In ihrer Verzweiflung wandten sie sich an unseren Nachbarn. Wir wohnten damals am Stadtrand, am Wienerwald, und dieser Nachbar, ein pensionierter Ethnologe, lebte in einem Haus im Tiroler Stil. Er war über achtzig, betrieb aber immer noch Feldforschung in schamanischen Kulturen. Im Laufe seines Lebens hatte er sich weitreichende Kenntnisse angeeignet, und so fragten ihn meine Eltern, ob er meine, mit seinen „primitiven Methoden“ etwas bei mir ausrichten zu können. Überraschenderweise war er sofort zu einem Versuch bereit.
Am Abend machte er die erste von drei schamanischen Sitzungen - und das Wunder geschah. Innerhalb einer Woche war ich wiederhergestellt. Ich konnte wieder laufen, springen und klettern wie andere Neunjährige.
Von da an war ich gut Freund mit dem „Herrn Professor“, wie er einfach genannt wurde (seinen Namen herauszufinden ist mir bis heute nicht gelungen). Er war für mich der Archetypus des „Alten Weisen“, und er führte mich, was später meinem Leben die entscheidende Wendung gab, in die Geheimnisse der Bienen ein. Er war nicht nur Schamane, sondern auch Imker.

Begegnung mit dem Bienenmeister
Dann hatte ich glücklich mein 26. Lebensjahr erreicht. Ich lebte in England, hatte mein Summa-cum-laude-Abschlußzeugnis der Universität unter dem einen Arm und unter dem anderen ein Bündel Fragen in Sachen Lebensgestaltung. Oft durchstreifte ich auf langen Wanderungen meine Lieblingsgegend, die Quantocks. Und eines Tages stand ich plötzlich vor Bienenstöcken und deren Besitzer.
Es war ein weiterer wichtiger Schritt in meinem Leben, denn der Mann erwies sich nicht nur als Imker, sondern auch als „Bienenmeister“ - als alter Weiser, der einem längst vergessenen spirituellen Weg folgte, den man in England „Weg des Pollens“ nennt. Er lud mich in die „Brüder- und Schwesternschaft des Heiligen Bienenstocks“ ein, und damit begann meine Zeit als Lehrling bei ihm, die bis zu seinem Tode dauern sollte.
In dieser Tradition kümmert sich der Bienenmeister immer um einen Schüler, während Frauen in Gruppen von sechs bei einer Bienenmeisterin lernen. Diese führte den Titel „Melissa“, „Biene“ auf Griechisch, und das folgte einer alten Überlieferung von Griechenlands Mysterienkulten, verbunden mit dem Orakel von Delphi und der Hohepriesterin Delphina, der weiblichen Kraft und ihrer Beschützerin, der Drachin Delphines. Melissa galt auch als die Göttin der Berauschung und der sexuellen Leidenschaft.
Zahlreiche Lehren, die von den weisen Alten vermittelt wurden, hingen mit diesen Themen zusammen - die unpersönliche Verwendung der Sexualenergie etwa im „Hieros Gamos“, der „Heiligen Hochzeit“ in der Alchemie, und in der Pollen-Tradition „Der Schlangenflug der Honigbiene“ genannt.
Ich lernte also nicht nur Bienenzucht, sondern auch das damit verbundene verborgene Wissen.

Den Bienen folgen
Es war wirklich überwältigend. Ohne Bienen würde die Erde ganz anders aussehen. Wer weiß schon, dass jede dritte Portion menschlicher Nahrung mit Hilfe der Pollenbefruchtung durch Bienen zustande gekommen ist? Bienen gibt es seit rund 30 Millionen Jahren, und so sind sie zweifellos die ältesten Verbündeten des Menschen.
Eine meiner täglichen Pflichten bestand darin, einzelnen Bienen auf ihrem täglichen Sammelflug zu folgen. Das ist leichter gesagt als getan, denn es verlangt ein Übermaß an körperlicher Beweglichkeit. Bienen können eine Geschwindigkeit von 30 km/h erreichen. Nach einiger Zeit war ich prächtig trainiert, was meiner Gesundheit sehr nützlich war. Ich konnte mich leise bewegen, mich wie eine Raubkatze anschleichen und begann Dinge zu sehen, die anderen Menschen verborgen waren. Leider haben wir in unserer säkularisierten Welt die alte Fähigkeit verlernt, in der Wildnis und in der Dunkelheit zu „sehen“.

Das Wissen der Bienen und der Druiden
Mit der Zeit lernte ich, den Energieaustausch zwischen Mensch und Biene, der in Form eines Tanzes stattfindet, zu spüren. Im Englischen haben sich zwei Phrasen erhalten: „Frage die wilde Biene nach dem Wissen der Druiden“ und „Sag’s den Bienen“ - und deren Bedeutung ist auch dem Alltagsmenschen vertraut. Frage Bienen, wenn du etwas wissen willst; und anderseits sollst du auch dein Wissen an sie weiter geben. Man lernt also, seinen Bewusstseinszustand in der Weise zu ändern, dass man mit Bienen kommunizieren kann - eine alte schamanische Technik. Eigenes Wissen deponiert man im Bienenstock, sodass es dort bewahrt wird und künftigen Generationen zur Verfügung steht - im Rahmen eines besonderen Rituals.
Wie lange geht das schon so? Mein Bienen-Lehrer sagte wörtlich „Den Pollen-Pfad hat es schon gegeben, bevor Eva vom Apfel aß“. So ist dieses Wissen uralt, aber gleichzeitig immer neu: Das von den Alten Überlieferte wird ständig ergänzt - im sacred trust, in der Heiligen Schatzkiste, dem Bienenstock.
In dieser Tradition gibt es auch den Begriff des total act, der „Vollbewussten Tat“ - die völlige Identifikation mit dem, was man augenblicklich tut. Nicht nur Dinge, die man als „heilig“ oder „wichtig“ ansehen würde, sondern auch das Alltäglichste. Man tut in diesem System also alles bewusst und mit Hingabe.
Überträgt man das auf sein gesamtes Leben, bei dem man nie weiß, wann es zu Ende ist, dann lebt man jeden Augenblick so, als wäre er der letzte. Was Sterbende am häufigsten bedauern ist, sie hätten ihr Leben nicht richtig, nicht ausführlich, nicht intensiv genug gelebt - und dem entgeht man, wenn man so lebt, als wäre jeder Tag der letzte.
Unter diesem Gesichtswinkel macht es auch wenig Sinn, ein Drittel seiner Lebenszeit zu verschlafen. Menschen, die diesen mystischen Bienen-Weg gehen, legen daher auch großen Wert auf Träume. Sie erkunden die Welt des Traumlandes, schlagen Brücken zwischen dieser und der Welt des Traumes und pendeln zwischen der Traumzeit und der alltäglichen Wirklichkeit. Es ist jener Bewusstseinszustand, in dem wir im Schamanismus auf Reise gehen, darin „arbeiten“ und der Schamane seinen Geistern begegnet. So passierten viele Unterweisungen seitens meines Lehrers im Traum - wir beide träumten. Dann zeichnete ich alles in meinem Traum-Tagebuch auf, und er sah es sich durch. Dabei hatte ich immer ein mulmiges Gefühl . . .
Eine weitere Erfahrung ist, dass der menschliche Körper eine der seltensten Erscheinungsformen des Universums ist. Das fällt uns nicht auf, weil jeder ihn hat, und so scheint er allgegenwärtig und allgemeingültig zu sein. Vor dem Hintergrund meiner Core-schamanischen Erfahrungen mit meinen Schutzgeistern (ich nenne sie so) verschmelzen wir mit der Kraft des Universums, und diese Technik bringt dem Schamanen Kraft und Ekstase.
Was aber haben die spirits davon? Sie kriegen auf diese Weise der partnerschaftlichen Zusammenarbeit die Möglichkeit, in einem menschlichen Körper zu sein, wenn auch nur kurz. Aus meinen Erfahrungen ergibt sich: alle Menschen haben sich dafür entschieden, auf diese Erde zu kommen. Stell dir vor, du bist draußen im Universum als reines Bewusstsein. Dann ist es eine wundervolle Möglichkeit, einen irdischen Körper zu kriegen, deine Bewusstheit auf die Erde zu bringen und damit deine verschiedenen Fähigkeiten, Talente und Stärken in die Evolution der Menschheit einzubringen. Deine erste Begegnung hier ist die Geburt, und darnach wirst du eine Unzahl weiterer Begegnungen haben - bis zu deiner letzten, dem Tod.

Setze hier deine Begabungen um
Du bist hier, um deine Begabungen umzusetzen, aber oft kriegen wir nicht die notwendige Unterstützung und werden oft verletzt. Wunden lenken die meisten Menschen ab und verhindern Begegnungen und Beziehungen, und dann vergessen sie auch die Hauptfrage zu stellen, nämlich die, weshalb sie auf dieser Welt sind.
Ich habe nicht den Schatten eines Zweifels daran, dass meine Krankheit als Kind, der Herr Professor und später der Bienen-meister „meine“ Begegnungen waren. So hat eben jeder von uns herauszufinden, weshalb er wirklich da ist - und nicht, was unsere Eltern, die Zivilisation oder die Erziehung vorschreiben. Wir haben die Vision nach unserem total act selbst zu suchen, zu finden und umzusetzen.
Zurück zum Pollen-Weg.
Viele Menschen werden mit „Biene“ die unangenehmen Stiche verbinden, zu denen diese Insekten zweifellos imstande sind. Die Bienenmeister bedienen sich selbstverständlich auch der Stiche und des Bienengiftes, diese werden „Sakramentales Gift“ oder „Geheimes Feuer“ genannt. Akupunktur leitet sich von den Stichen der Biene ab, und die dienen nicht nur der Heilung, sondern auch der Initiation, als Mittel zu mystischen Einsichten.

Stiche und Dunkelheit
Eines dieser Initiationsrituale besteht darin, dass der Adept sich an zahlreichen Stellen des Körpers von Bienen stechen lässt. Überlebt der Kandidat, dann ist der ewige Bund zwischen ihm und dem Bienenstock besiegelt. Danach hat der Initiierte 23 Tage und Nächte in vollkommener Dunkelheit zu verbringen. Die Finsternis gilt als unabdingbares Werkzeug, um unsere eigene Leuchtkraft zu erkennen. Anders gesagt: Wir gehen in die Finsternis, um erleuchtet zu werden. Bei uns heißt das „Sichtbare Dunkelheit“.
Eine meiner stärksten Erfahrungen der letzten Jahre ist es, Menschen für ein paar Tage in die Dunkelheit mitzunehmen. Hier hat jeder die Chance, nicht nur mit seiner eigenen Strahlkraft in Kontakt zu kommen, sondern mit dem ältesten Geist des Universums, der Dunkelheit. Sie (weiblich, daher besser „Geistin“) war die Gebärerin aller anderen Geister, eingeschlossen das Pantheon der Licht-Götter.

Früher geheim, nun Thema in Seminaren
Wahrscheinlich wird dieses sehr alte System von anderen überholt werden, die besser in unsere Zeit und die Zeiten nach uns passen. Geheimhaltung als Schutz vor Missbrauch gehörte in der alten Zeit dazu. Heute, in unserer Informationsgesellschaft, hat man ja Zugriff auf nahezu alles.
Ich selbst bin das beste Beispiel dafür. Ich wurde im alten Mysterienkult erzogen, bin aber beauftragt, das Wissen in Wort und Schrift zu verbreiten. Was früher mündlich vom Lehrer zum Schüler floss, wird nun in Seminaren gelehrt. Noch vor einer Generation wäre das unmöglich gewesen! Schamanen wissen, dass sie außerhalb von Raum und Zeit, in Parallelwelten, arbeiten. Auch die Bienenmeister tun das. Unser Zeichen ist die querliegende Acht - 8 - jenes für „unendlich“, wie es auch in der Mathematik verwendet wird.
Man kann tatsächlich „die Unendlichkeit begehen“ - Sie und ich. Gehen Sie zehn Minuten lang im Sinne eines total act diese Achterschleife. Was Sie da machen, ist der Schwänzeltanz der Biene, und diese Übung verhilft üblicherweise zu Klarheit und Ausgeglichenheit. Das ist eines der Geschenke des Bienenstocks an uns: Ein Leben in Ausgewogenheit zu führen, indem man ständig die Unendlichkeit erforscht.

Die Unendlichkeit ist keine Weltflucht
Wichtig: Das ist kein Hintertürl, um der Wirklichkeit dieser Welt zu entschlüpfen oder um sich vor vorgesehenen Begegnungen zu drücken. Rückzug aus dieser Welt wäre ein Mißbrauch ebendieser Tradition. Die Unendlichkeit ist hier auf dieser Welt, auf diesem wunderbaren blauen Planeten, der „Erde“ heißt und der unsere Heimat ist.
Auch so erfahren wir, wie wichtig es ist, dass die einfache, bescheidene Biene weiterhin die Pollenbestäubung ausführen kann. Mein Bienenmeister ist weiterhin bei mir, er guckt mir von der anderen Seite des Schleiers über die Schulter (übrigens ging er vollkommen bewusst hinüber, in einem total act) und hilft, die Gemeinschaft mit den spirits aufrechtzuerhalten. Was seit alters ein Geburtsrecht des Menschen ist.

Simon Buxton lebt in England, ist Autor und Lehrer und Mitglied der Internationalen Fakultät der Foundation for Shamanic Studies

 

Karen Sawyer: Soul Companions - Conversations With Contemporary Wisdom Keepers - A Collection of Encounters With Spirit. 474 Seiten, O Books, Winchester and Washington, ISBN 978 1 8469 4000 0. USD 29,95.
Kapitel „The Path of Pollen“ von Simon Buxton: Mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Autor, pp. 220–233 der genannten Ausgabe. Übersetzt von Ray Willard (gekürzt). Eine deutsche Ausgabe von Simon Buxtons Buch ist in Vorbereitung.

Weitere Elders (Auswahl) Uncle Angaangaq, David Spangler, Denise Linn, Leo Rutherford, Sandra Ingerman, The Barefoot Doctor, Lyn Allen, Jörmundur Ingi, Joshua Shapiro, Joel Kaplan, Ailo Gaup, Rabbi Gershon Winkler, Anne Hassett, Tiokasin Ghosthorse, Julie Soskin, Elena Avila, Celia Fenn, Blue Arrow Rainbow, Jessica Macbeth.